Kolumne: Ach Berlin

Mehr Düsseldorf wagen!

Wer verstehen will, wie Kunst, Politik und Kommerz perfekt verschmelzen, muss nicht in die Zentrale für Politische Bildung gehen, sondern kann sich auf einem Konzert der Toten Hosen vergnügen. Was Berlin von den Spaßchaoten aus dem Rheinland noch lernen kann

 

Zuletzt bekam ich zwei Freikarten für ein Konzert der Toten Hosen in Berlin. Ich bin kein großer Fan der Toten Hosen, aber als Düsseldorfer Junge war ich das natürlich mal. Es war gar nicht so leicht, die zweite Karte loszuwerden. Ich lernte, die Berliner finden die Toten Hosen entweder „nicht ironisch genug“, „nicht mehr Punk wie früher“, „unglaubwürdig“ oder was auch immer. Ich habe dann doch noch jemanden gefunden und ging hin, alleine weil solche nostalgischen Abende im Berliner Exil ein guter Ersatz für eine drohende Düsseldorf-Tätowierung sind.

Am nächsten Tag erzählte ich von einem großen Abend und erntete nur ein müdes Lächeln von Menschen, die am Abend zuvor lieber in irgendeine Ausstellung gegangen waren, wofür sie sich natürlich keinesfalls rechtfertigen mussten. Ich dachte derweil an die tausenden Konzertbesucher, von denen sich ziemlich sicher jeder einzelne bestens unterhalten fühlte. Am Ende kam ich zu dem Entschluss, dass Die Toten Hosen in den vergangenen 30 Jahren mehr für die Unterhaltung und den Zusammenhalt der Gesellschaft getan haben als irgendwer sonst im deutschen Kulturbetrieb, der oftmals aus Sorge vor einem Kommerzialisierungsvorwurf in der Langeweile erstickt.

Die Angst vor dem Kommerz begleitet in Deutschland jeden Kunstschaffenden ein Leben lang. Ein Künstler muss an Kunst denken, nicht an sein Publikum – das ist die Logik. Wenn es zu vielen gefällt, wird der Betrieb misstrauisch. Wenn der Künstler von vornherein darüber nachdenkt, was den Menschen wohl gefallen könnte, hat er für viele eine rote Linie überschritten. Kunst ist demnach so etwas wie ein Zufallsprodukt von Genies, das wahllos entsteht – und am besten sind nur ganz wenige imstande, das zu goutieren. Dann gilt es als hochwertig. Und dann darf der normale Steuerzahler die Künstler dafür ausbezahlen, dass sie nicht ans Publikum gedacht haben, während der kleine Kreis der Auserwählten günstig zu seinem Vergnügen kommt.

Auch beim Tote-Hosen-Konzert auf dem Tempelhofer Feld war diese Angst vor dem Kommerz zu spüren. Allerdings nur drüben bei den Journalisten, die auf der Tribüne saßen und beim Mitsingen immer hofften, dass der Nebenmann sie nicht dabei ertappte. Im Publikum dagegen fand sich eine Symbiose, die einzigartig in Deutschland ist. Punks, doch ja, die beim Lied „Bonnie & Clyde“ Bullen umschießen wollten, alte Pärchen, die bei „Alles aus Liebe“ schmusten und junge Mädelscliquen, die bei „10 kleine Jägermeister“ schunkelten, als wäre Junggesellinnenabschied. Es war, als stünden mal die Ramones, mal Pur, mal Mickie Krause auf der Bühne. Musiker, die eigentlich miteinander nichts gemein haben.

Ja, natürlich kann man Frontmann Campino unsympathisch finden, weil er sich selbst ein bisschen wichtig nimmt und offenbar keine besonders ausgeprägte Selbstironie hat. Und ja, viele seiner Ausflüge in die Film- und Fernsehlandschaft waren in den vergangenen Jahren unnötig und missglückt. Doch man kann das auch als wohltuend betrachten, wenn einer alle Wege zum Publikum sucht und einem nichts peinlich ist. Wenn einer alles gibt, Hauptsache es ergibt irgendwie einen Sinn – oder macht zumindest irgendwie Spaß. Natürlich gibt es in der Kultur einen Anspruch, schon klar, und der kann natürlich nicht immer Spaß machen. Ein Bild muss irritieren können, ein Theaterstück muss aufrütteln, eine Oper meinetwegen hochkomplexes klassisches Handwerk rüberbringen.

Die Frage ist der Maßstab. Reicht Kultur aus, wenn sie Anspruch hat, aber niemanden erreicht? Auf welchen Anspruch kann sich ein Publikum einigen, ohne dass es auf eine fünfköpfige Selbsthilfegruppe schrumpft? Auch hier bieten die Die Toten Hosen einen Richtwert. Bei dem Konzert gab es neben Sauf-, Revoluzzer- Liebes- und Trauerliedern auch die obligatorischen Lieder und Aufrufe gegen Rechts, auf die laute „Nazis raus“-Rufe folgten. Und vermutlich ist genau das die Basis, auf die sich Deutschland im Jahr 2013 zu 90 Prozent einigen kann: Spaß haben und Nazis scheiße finden.

So gesehen wären Die Toten Hosen ein gutes Vorbild, wenn sich Kulturpolitiker demnächst wieder überlegen, wie sie Jugendliche begeistern und verschiedene Gesellschaftsgruppen zusammenbringen wollen. Meist etablieren sie dann ein Tanztheater in Hoyerswerda, das außer einem Fernsehteam von Arte niemand dort haben will.

Es ist vielleicht auch kein Zufall, dass die Toten Hosen aus Düsseldorf kommen, einer Stadt, die vor allem in den 80er-Jahren sowohl für die Kunst-, als auch für die Punkszene bekannt war – und deren Mentalität durch rheinischen Frohsinn und rheinischen Kapitalismus und Pragmatismus geprägt ist. Auch Marius Müller-Westernhagen ist gebürtiger Düsseldorfer und wurde vom Theaterschauspieler unverhofft zum Musiker mit unzähligen Gassenhauern. Die Berliner, die sich demnächst bei einer Vernissage langweilen und sich nicht trauen, das einzugestehen, sollten sich überlegen, was ein Düsseldorfer in so einem Moment machen würde. Zumindest würde er sich die Veranstaltung schöntrinken.

 

Stefan Tillmann ist Gründer des Opinion Clubs und gebürtiger Düsseldorfer. Er lebt seit ein paar Jahren mehr oder weniger freiwillig in der Hauptstadt und führt eine Fernbeziehung zu Fortuna Düsseldorf.

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