Sport und Politik

Der olympische Schweinestall

Russland diskriminiert Homosexuelle. Das ist ein Skandal. Der größere Skandal ist indes, dass es dennoch die Olympischen Winterspiele 2014 ausrichten darf. Und der größte Skandal ist, dass das Internationale Olympische Komitee mit seiner Vergabepraxis einfach so durch kommt

In Russland ist „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen“ neuerdings eine Straftat. Ein Frauen- oder Männerpaar, das öffentlich Händchen hält, verstößt bereits gegen den Gummiparagraphen. Er kriminalisiert praktisch jede politische oder publizistische Tätigkeit für die Belange von nicht heterosexuell lebenden Menschen, und damit nicht nur den Kampf für Toleranz und Gleichberechtigung, sondern auch Aufklärung, selbst zu Zwecken der Gesundheitsfürsorge.

Das Gesetz verletzt alle möglichen Grundrechte und Freiheiten, die Russland als Mitglied der UNO, des Europarates, der KSZE anerkannt hat. Es widerspricht insbesondere auch der olympischen Charta, die Diskriminierung wegen des Geschlechts oder aus anderen Gründen ausdrücklich verbietet.

Russland aber ist Ausrichter der Olympischen Winterspiele Anfang 2014. Das menschenverachtende Gesetz ist neu, dass Putins Russland kein Rechtsstaat ist, Bürger- und Menschenrechte dort nicht viel gelten, Meinungs- und Pressefreiheit regelmäßig grob verletzt werden – all dies ist keine Neuigkeit. Es war auch dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bekannt, als es die Spiele nach Sotschi am Schwarzen Meer vergab. Gewiss, schlimmer als in China ist es um die Menschenrechte auch in Russland nicht bestellt. Wenn die Jugend der Welt in Peking 2008 sich selber, aber eben auch ihren Gastgeber feiern konnte, so scheint das IOC zu denken, spricht nichts dagegen, sie 2014 nach Russland zu rufen. Die Logik ist nicht zu beanstanden: Wenn China ein respektabler Austragungsort für olympische Spiele ist, dann ist es auch jedes andere Land der Erde, Russland ebenso eingeschlossen wie Iran, Saudi-Arabien oder Nordkorea.

Andere Länder, andere Sitten: So scheint es Christian Klaue, Sprecher des Deutschen Olympischen Sportbunds zu sehen. Athleten hätten die Gesetze des Landes zu achten, „wie bei Trunkenheit am Steuer: Manchmal ist bei 0,8 Promille die Grenze, manchmal bei 0,0″, so erklärt er es im letzten „Spiegel“. Gegenüber der Aktivisten-Website queer.de stellte er später klar, dass er damit keinesfalls Homosexualität mit Alkoholmissbrauch gleichgesetzt habe. Hat er ja auch nicht. Er hat nur das Grundgesetz, die Menschenrechtskonventionen von Europäischer Union und Vereinten Nationen, nicht zuletzt die Olympische Charta auf eine Stufe mit einem Schandparagrafen gestellt, der all diesen Rechtsnormen Hohn spricht. Mit der gleichen Argumentation hätte er die Teilnehmer an den Spielen von 1936 in Berlin auf die Rassengesetze der Nazis einschwören können.

Die Entgleisung eines überforderten Pressesprechers ist jedoch nur ein Symptom. Das Problem ist, dass Olympische Spiele überhaupt in Länder vergeben werden, die Menschenrechte mit Füßen treten. Die Verantwortung trägt das IOC – oder es trägt sie vielmehr nicht. Die vielen Herren und wenigen Damen mit Diplomatenpass und üppigen Bezügen sind der demokratischen Öffentlichkeit nämlich gar nicht verantwortlich. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn sie nicht Politik machen würden. Die Vergabe von Olympischen Spiele ist aber hochpolitisch. Die Olympier vom IOC faseln von weltanschaulicher Neutralität, lassen sich das Prestige, das die Jugend der Welt jedem Gastgeber verleiht, aber von Despoten versilbern und vergolden.<

Olympia ist ein Milliardengeschäft. Politisch und moralisch verantwortungslose Geschäftemacherei ist schlimm genug. Wenn das Sportfördersystem, ohne das es keine Spiele geben könnte, zum besten Teil aus Steuern bezahlt wird, dann versagt die Demokratie vor zynischen und korrupten Olympiern. Wenn diese Möchtegerngötter sich schon nicht an die eigene Charta halten, muss die Politik in den demokratischen Staaten sie auf verfassungsmäßiges Normalmaß stutzen und die Wahrung der Menschenrechte selbst sicherstellen. Wer das Fest bestellt und bezahlt, muss auch entscheiden dürfen, wo es stattfinden kann und wo nicht. Der Olymp ist ein Schweinestall; er gehört ausgemistet.

Joachim Helfer, Schriftsteller in Berlin, macht in Leben und Werk jederzeit nach Kräften Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen und Geschlechterrollen. Außerdem hat er perverserweise immer gern Sport getrieben und als Junge tatsächlich ein paar Jahre lang ernsthaft für Olympia trainiert.

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