Kolumne: It's the economy

Deutschland braucht ein Investitionsprogramm

Die Wirtschaft der Bundesrepublik brummt wieder, selbst die Volkswirtschaften der Euro-Zone scheinen das Schlimmste überstanden zu haben. Zurücklehnen sollten wir uns dennoch nicht. Denn in den vergangenen Jahren haben Bund, Länder und Kommunen etwas Entscheidendes schleifen lassen. Und nun muss etwas passieren

 

Deutschland im Jahr 1962: Die Wirtschaft brummt, es herrscht Vollbeschäftigung. Eben hat der Ingenieur Hellmut Homberg den Zuschlag für ein neues Großprojekt erhalten. Er soll eine Brücke bauen, die Köln und Leverkusen verbindet. Gerade einmal drei Jahre später steht die aufwendige Konstruktion.

Die gut einen Kilometer lange Schrägseilbrücke ist ein Paradebeispiel deutscher Ingenieurskunst – und wird heute, ein halbes Jahrhundert später, noch immer befahren. Wenn auch mehr schlecht als recht. Weil so mancher Träger bröckelt, gilt seit einigen Monaten eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Mehrfach musste die Rheinbrücke vorübergehend gesperrt und notdürftig saniert werden. In wenigen Wochen, wenn sich der Urlaubsverkehr in Nordrheinwestfahlen nach den Sommerferien gelegt hat, wird wieder ausgebessert.

Wie in den 60er Jahren steht die deutsche Wirtschaft auch heute stark da. Der größte Unterschied jedoch: Es wird nicht mehr investiert. Der marode Zustand der Rheinbrücke bei Leverkusen steht exemplarisch – nicht nur für die unzähligen sanierungsbedürftigen Straßen und Brücken von Flensburg bis Lörrach. Sondern für den Investitionsstau insgesamt in diesem Land. Seit fast zwei Jahren haben die Unternehmen weniger für neue Maschinen und Anlagen ausgegeben.

Noch schlimmer jedoch: Auch der Staat steckt kaum noch Geld in die Zukunft des Landes (dass die öffentliche Verschuldung binnen drei Jahre dennoch auf über 80 Prozent der Wirtschaftskraft geschnellt ist, liegt an den staatlichen Hilfen für den Bankensektor – allen voran West LB und HRE). Der Anteil der Investitionen an der Gesamtproduktion ist in kaum einer hochentwickelten Volkswirtschaft niedriger.

So überrascht es nicht, dass sich unter den besten 100 Universitäten, die das Magazin „Times Higher Education“ in diesem Jahr listet, lediglich vier deutsche Hochschulen wiederfinden. Länder wie die USA, Großbritannien, aber auch Kanada und die Niederlande rangieren besser. Sorry, aber Göttingen und Freiburg, München und Berlin – das reicht einfach nicht.

Insgesamt liegen die Ausgaben für Bildung hierzulande lediglich bei 5,2 Prozent der Wirtschaftsleistung – das ist nicht nur weniger als in vielen EU-Ländern. Selbst der Schnitt der 33 in der OECD gelisteten Industrieländer ist mit 6,3 Prozent höher. Besonders gravierend sind die Investitionsdefizite Studien zufolge in der frühen Kindheit – also dann, wenn eine gute Ausbildung eigentlich die meisten Früchte trägt.

Der Grund für diesen desaströsen Trend: Seit mindestens einer Dekade – die Agenda 2010 wurde ab 2003 umgesetzt – beschränkt sich die Wirtschaftspolitik in Deutschland auf die turnusmäßig wiederholte Faustformel „Wir müssen wettbewerbsfähiger werden!“ Wegen der Globalisierung und den billigen Chinesen und so.

Dank jahrelanger Lohnzurückhaltung stiegen die deutschen Exportüberschüsse – und damit die gesamtwirtschaftliche Ersparnis. Das Geld für Investitionen wäre also eigentlich da – und wird ja auch gebraucht. Stichwort Energiewende.

Bloß wurde die Kohle vor der Krise lieber in südeuropäische Staatsanleihen und amerikanische Hypothekenpapiere gesteckt. Einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge haben hiesige Investoren von 2006 bis 2012 im Ausland Vermögen von 600 Milliarden Euro verloren – eine unvorstellbare Summe.

Gleichzeitig entstand demnach eine Investitionslücke von jährlich bis zu 80 Milliarden Euro. Würde die geschlossen, könnte die deutsche Wirtschaft jedes Jahr deutlich kräftiger wachsen als in der vergangenen Dekade. Das Land wäre dann auch weniger abhängig von seinen Ausfuhren.

Und die Zeit drängt: Denn bis neue Ausgaben in Bildung und erneuerbare Energien Erträge bringen, dauert es einige Jahre. Also warum nicht heute anfangen? Dann, wenn sich Staat, Unternehmen und Haushalte so günstig finanzieren können wie noch nie.

Selbst wenn es platt klingt: Investiert Deutschland heute zusätzliches Geld in die richtigen Bereiche, bringt das mehr Wohlstand in der Zukunft. Das sollte die künftige Bundesregierung beherzigen – egal wie sie am Ende zusammengesetzt sein wird. Zumindest aber sollte sie auf das reflexartige Mantra mit der Wettbewerbsfähigkeit verzichten.

 

Mathias Ohanian, Jahrgang 1982, arbeitet als Wirtschaftsredakteur in der Schweiz. Er schrieb von Anfang 2010 bis zu ihrer Einstellung im Dezember 2012 für die Weltwirtschaftsseite der „Financial Times Deutschland“. Sein Hauptthema: das Auf und Ab der Weltkonjunktur. Sein Volontariat absolvierte der diplomierte Volkswirt beim Anlagemagazin „Cash“. Davor: Studium an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und der Mailänder Luigi Bocconi.

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