Kolumne: Mein Held der Woche

Einen Oscar für Steinbrück

Der Kanzlerkandidat, ein Meister der Patzer und der Pannen, wird völlig unterschätzt. Denn in diesen Tagen zeigt er ungeahntes Talent und brilliert er in einer ganz besonderen Rolle: Er spielt den Sozialdemokraten

 

Das war großes Kino. Ganz großes sogar. Wie er dort stand, vor aller Welt, und dieses eine Wort sagte: Steuererhöhungen. Das war grandios.

Sein Name: Steinbrück, Peer Steinbrück. Seine Rolle: Ich gebe den Sozialdemokraten. Und das hat der Kandidat hervorragend gemacht. Selten hat ein Schauspieler so brilliert.

Wir erinnern uns: Peer Steinbrück, das war einmal ein Mann, der nicht so richtig in die SPD passte. Er war für die Hartz-Reformen, verstand sich mit Bankern, hatte ein Empfinden für die Bedürfnisse der Wirtschaft. Ein Mann wie Helmut Schmidt, der andere Sozi, der dummerweise in der falschen Partei war, wie die Konservativen zu sagen pflegten.

Und nun sagt er: Mindestlohn, Mietpreisbremse, Finanzmarktregulierung. Und natürlich Steuererhöhungen. Der Mann hat sein Repertoire drauf, seinen Text gelernt. Grandioses Schauspiel.

Na gut, wir wollen objektiv sein, unsere Rezension nicht zu jubelig verfassen. Einen kleinen Patzer hat sich unser Schauspieler schon geleistet. Beim Festakt zum 150. Geburtstag der SPD hat er „Steuersenkungen“ gesagt. Ist natürlich genau das, was sein Publikum gar nicht gerne hört. Aber soetwas kann passieren, wer kann schon hundertprozentig, zu jeder Tages- und Nachtzeit, seine Rolle spielen? Steinbrück ist eben authentisch, und da schimmert dann schon mal der wahre Steinbrück durch, der Mensch, nicht der Schauspieler.

Aber zur Sicherheit und zum memorieren: Der richtige Text heißt „Einkommensteuer rauf auf 49 Prozent“  und „Vermögensteuer wieder einführen“. So steht es im Drehbuch, also dem SPD-Wahlprogramm.

Was ist schon ein Robert DeNiro, was ein Al Pacino gegen diesen Peer? Die leben sich in ihre Rollen regelrecht rein, doch das ist nichts gegen ein Steinbrück-Schauspiel. Der Heinrich George des Politiktheaters gibt jetzt den Rotgrünen, streitet nicht mit den Trittins und Künasts, lobt sie, umgarnt sie. Das ist wahrhaft sozialdemokratisch. Und er überspielt damit, wie sehr er vor zehn Jahren in Düsseldorf die Grünen gehasst und getriezt hat, sie aus seiner Regierung werfen und mit der FDP zusammengehen wollte. So entschlossen war er in seiner Rolle als Steinbrück, dass ihn nur Gerhard Schröder und Joschka Fischer stoppen konnten Und auch das nur im Verbund. Sonst wäre es mit Rotgrün an Rhein und Ruhr vorbei gewesen.

Was können unsere Politiker überhaupt? fragt gerne der deutsche Stammtisch. Und man mag sich an den Kopf fassen. Dass sie Talent haben, dass sie weit über ihre Grenzen gehen, in ungeahnter Weise sich selbst verleugnen, das ist wahres Können. Das muss man erst einmal beherrschen. Und derzeit beherrscht das niemand so gut wie Peer Steinbrück, der Schaupieler. Gebt ihm endlich einen Oscar.

 

Andreas Theyssen hat Peer Steinbrück lange begleitet. Erst in Düsseldorf, wo der Mann Finanzminister und Ministerpräsident war, dann in Berlin, wo er als Bundesfinanzminister und Angela Merkels liebster Sozialdemokrat auftauchte. Theyssen schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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