Kolumne: Mein Held der Woche

Gebt Obama noch einen Friedennobelpreis

Der US-Präsident hat sich die Auszeichnung redlich verdient. Er ist so friedliebend, dass Syriens Diktator Assad in aller Ruhe sein eigenes Volk massakrieren kann. Vor allem aber geht Barack Obamas Pazifismus bis hin zur Selbstverleugnung

 

Schade, dass er schon einen hat. Okay, wir haben nie verstanden, warum das Komitee ihm damals, so kurz nach seinem Amtsantritt, überhaupt einen verliehen hat. Aber jetzt hat US-Präsident Barack Obama ihn sich redlich verdient, den Friedensnobelpreis. Wer, wenn nicht er? Er ist so friedlich, dass es eine wahre Freude ist. Zumindest für Baschar al-Assad, den syrischen Diktator.

Obama ist von der Welt bislang völlig falsch gesehen worden. Sie hat sich abgearbeitet an so Petitessen wie US-Drohnenangriffen in Pakistan oder im Jemen, bei denen mutmaßliche Al-Kaida-Terroristen mal eben ohne Gerichtsurteil per Fernsteuerung liquidiert wurden. Und dummerweise sind en passant auch immer mal wieder ein paar unbeteiligte Zivilisten dabei ums Leben gekommen. Aber durch solche „Kollateralschäden“ haben wir uns ein völlig falsches Bild vom Mann im Weißen Haus aufzwängen lassen. In Wahrheit ist Obama ein Pazifist.

Was ist ein Pazifist? Das ist ein Mensch, der um des lieben Friedens Willen Gewalt hinnimmt, was eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Ein Mensch der dabei bis zur Selbstverleugnung geht. Ohne Frage: Sich selbst hat Obama wahrhaft verleugnet, bis hin zur Unkenntlichkeit.

Wenig mehr als ein Jahr ist es her, dass der Präsident seinen syrischen Amtskollegen gewarnt hat: Setzt Assad Chemiewaffen gegen sein eigenes Volk ein, dann überschreitet er eine rote Linie. Und das wird Konsequenzen haben. Hat Obama so gesagt.

Tja, und nun hat Assad Chemiewaffen einsetzen lassen, in Orten rund um seine Hauptstadt Damaskus. Rund tausend Menschen sind dabei ums Leben gekommen, darunter viele Kinder. Und so ähnelt Syrien zunehmend Ruanda, einem anderen Land, dem die Welt bei seinem Völkermord seelenruhig zusah.

Den wahren Pazifisten zeichnet aus, dass er sich von aufrüttelnden Ereignissen oder gar Lehren aus der Geschichte nicht beeindrucken lässt und Kurs hält. Das unterscheidet ihn zum Beispiel von einem Wankelmütigen wie Joschka Fischer. Der ließ sich von dem Massaker in Szrebenica so erschüttern, dass er ausrief: „Ich habe gelernt: nie wieder Krieg. Ich habe aber auch gelernt: nie wieder Auschwitz.“ Fortan war er für bewaffnete Friedenseinsätze, und als Außenminister ließ er seine Luftwaffe sogar Serbien bombardieren, als der Autokrat Slobodan Milosevic die kosovarische Minderheit vertrieb.

Nein, solch einen Wankelmut kennt Obama nicht. Deshalb bekam eben Fischer auch keinen Friedensnobelpreis, sondern der US-Präsident einen. Und das sogar, bevor er überhaupt irgendetwas getan hatte. Also: Gebt ihm noch einen!

 

Andreas Theyssen hat nie etwas von Anti-Amerikanismus gehalten und war einmal ein Fan von Barack Obama. Doch in den letzten Jahren hat sich sein Bild vom Präsidenten und von den USA gewandelt. Der große Freund jenseits des großen Teichs wird ihm zunehmend unheimlich.

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