Gesellschaft

Hellersdorfer Wutbürger, grün geprägt

Seit Wochen regt sich im Berliner Osten Widerstand gegen ein Flüchtlingsheim. Darüber sollte man sich nicht mokieren. Denn die Hellersdorfer ahmen nur nach, was ihnen das grün geprägte Bürgertum beispielsweise am Stuttgarter Bahnhof  vorgemacht hat

Zwischen Stuttgarts kehrwochensauberer Innenstadt und Berlins abgeranztem Vorort Hellersdorf liegen Welten: Sechshundert Kilometer Luftlinie, vierzig Jahre deutsche Teilung, höchstens das halbe Pro-Kopf-Einkommen, die Mentalitätsgrenze zwischen Wein- und Biertrinkern, nicht zuletzt der in der Alltagskultur nie restlos verwischte Limes zwischen dem römisch-mittelmeerischen und dem nordisch-barbarischen Teil Germaniens. Hier wie dort aber gehen Bürger gegen ein von demokratisch legitimierten Regierungen beschlossenes Vorhaben in ihrer Nachbarschaft auf die Straße. Hier wie dort muss der Staat sein Gewaltmonopol gegen widerständige Minderheiten verteidigen, um den politischen Willen der Mehrheit durchzusetzen.

„Aber das ist doch nicht dasselbe!“ höre ich einen empörten Wutbürgerschrei, in einer Tonlage irgendwo zwischen Claudia Roth und Renate Künast. In Hellersdorf geht es um Flüchtlinge! Menschen, die ihre Heimat wegen Krieg und Terror verlassen mussten, nur um in Deutschland von Fremdenfeindlichkeit, vielleicht gar Rassismus empfangen zu werden! Das ist leider wahr, und es ist beschämend. In Stuttgart dagegen, wo sich brave Bürger in die Pose von Widerstandskämpfern werfen, geht es darum, ob der Bahnhof abgerissen und unter Tage verlegt wird oder nicht. Ob die Stuttgarter Innenstadt, bisher das bundesweit grässlichste Beispiel des auto-, aber nicht menschengerechten Wiederaufbaus im Wirtschaftswunder, noch einmal umgebaut wird. Ehrlich gesagt: Schlimmer als es ist, kann es kaum werden. Ein Menschenrecht, dessen Verletzung durch den Staat Widerstand legitimieren könnte, scheint in Stuttgart jedenfalls nicht bedroht. Sondern die Ruhe, die Vorgärten, die Altbauidyllen der meist akademisch gebildeten, meist besserverdienenden, inzwischen meist Grün wählenden Anwohner oberhalb des asphaltierten Talkessels.

Der Hellersdorfer dagegen gehört eher nicht zu den Besserverdienenden. Sofern er gegen das neue Asylbewerberheim im Gebäude einer mangels Kindern nicht mehr benötigten Schule auf die Straße geht, verteidigt auch der Hellersdorfer Wutbürger kein Recht, sondern seine persönliche Bequemlichkeit. Nur fällt die in einem Berliner Plattenbauviertel weniger üppig aus. Die Menschen dort haben sich in bescheidenen Verhältnissen eingerichtet. Man wohnt günstig und nicht schlecht, aber es gibt wenig Läden, Cafés, Parks, Jugendzentren, soziale und kulturelle Einrichtungen, die das Leben schön und großzügig gestalten ließen. Nun verteidigen sie, nicht etwa handgreiflich, sondern mit ungeschickten, auch unschönen, von kleinlichen fremdenfeindlichen Vorurteilen sprechenden Worten, das gewohnte Maß an Enge und sozialer Disharmonie gegen einen befürchteten weiteren Abstieg.

Prompt treten echte Ausländerfeinde von der NPD auf den Plan, folgt den Faschos die Antifa auf den Fersen. Zusammen besetzen beide den öffentlichen Raum und die Debatte. Wer aber wollte den Hellersdorfern bestreiten, dass der Zuzug von vierhundert Kriegsflüchtlingen in ein einziges Haus eine Belastung darstellt? Dass die Anwohner mit der einen oder anderen Belästigungen zu rechnen haben?

Die örtliche Kommunalpolitik, wie in allen Ostberliner Außenbezirken von den Linken dominiert, hat die Sache im preußischen DDR-Stil durchgezogen, obrigkeitsstaatlich und zentralistisch. Deutschland muss zigtausende Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan aufnehmen, einige Hundert davon auch der Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Dort steht ein nicht mehr benötigtes Schulgebäude – also zack, zack! Warum auch nicht, wenn die Bewohner überwiegend treu die gewendeten Altstalinisten wählen? Solange er gegen die Obrigkeit die Faust höchstens schweigend in der Tasche ballt, kann man so mit ihm umspringen.

Schwierig wird die Sache erst, wenn der rote Wendeverlierer in der Platte die Protestformen und Rechtfertigungen der durchsetzungsfähigeren grünen Bildungsbürger im satten Westen kopiert. Wenn auch er den Kampf gegen legitime Mehrheitsentscheidungen und für sein egoistisches Einzelinteresse zum irgendwie höher, als eben nur demokratisch und rechtstaatlich legitimierten Widerstand stilisiert.

Dass Nazis diesen Bürgerunmut für ihre Zwecke missbrauchen, ist so ekelhaft wie es erwartbar ist. Auch die Gegendemos der Antifa gehorchen jahrzehntealten Ritualen, die mit der demokratischen Lösung harter Verteilungskonflikte wenig zu tun haben. Die grüne Bourgeoisie sollte sich nun aber nicht allzu hochmütig über solche deklassierten rotbraunen Kleinbürger empören. Der Hellersdorfer Wutbürger tut aus seiner Sicht nichts anderes, als das was Grüne ihm in Stuttgart und anderswo vorgelebt haben.

Joachim Helfer, Schriftsteller, Übersetzer und Publizist in Berlin, ist selber am Limes aufgewachsen. Schon als Schüler, bei den Demos gegen die Startbahn West, hat er sich manchmal gefragt, ob er auf der richtigen Seite der Barrikade steht.

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