Gesellschaft

Helm ab zum Geradel

Politiker fordern eine Helmpflicht für Radfahrer – und schießen damit über das Ziel hinaus. Zum einen ist der Nutzen des Kopfschutzes zwiespältig. Zum anderen ist er nicht verhältnismäßig. Sollen demnächst auch Fußgänger Motorradlederkombis tragen, um mehr Schutz bei möglichen Unfällen zu haben?

Ein aktuelles Gerichtsurteil hat die Diskussion um eine Helmpflicht für Fahrradfahrer wieder befeuert. Eine Radlerin, die von der aufschlagenden Tür eines parkenden Autos erwischt wurde, bekam vom Oberlandesgericht Schleswig-Holstein eine Mitschuld. Nicht weil sie falsch gefahren wäre. Sondern weil sie keinen Helm trug, der nach Auffassung des Gerichts Kopfverletzungen hätte mildern können.

Und wieder einmal kamen danach Stimmen auf, die Fahrradfahrer gesetzlich zum Helmtragen verdonnern wollen – so wie Verkehrsminister Peter Ramsauer darüber vor zwei Jahren sehr laut nachdachte. Von dem konkreten juristischen Fall in Schleswig-Holstein einmal abgesehen: Es ist erschreckend, dass über einen so weitreichenden Eingriff des Staats in die persönliche Freiheit überhaupt diskutiert wird.

Gegner der Helmpflicht können ohnehin schon eine Reihe praktischer Argumente vorbringen: zuvörderst die eindeutige Nebenwirkung, dass die Leute dann schlicht weniger radfahren, wie Untersuchungen nach Einführung der Helmpflicht in Teilen Australiens nachwiesen. Manchmal ist gerade kein Helm zur Hand – ein konkretes Problem zum Beispiel bei den immer populärer werdenden Mietfahrradsystemen. Manche(r) empfindet den Helm als unbequem, oder will ganz banal die Frisur schonen. „Sicherheit ist wichtiger als die Frisur“, heißt es dann – und das ist eines dieser Gegenargumente, die nicht nur dem Bürger vorschreiben, welche Prioritäten er zu setzen hat. Es ist auch dumm. Denn egal, wie ernst man das konkrete Hindernis fürs Helmtragen nimmt: Wenn Leute es aus einem bestimmten Grund – und sei es ein banaler – nicht wollen, dann fallen sie als Fahrradfahrer weg. Und steigen bei der Fahrt zur Arbeit und zum Supermarkt aufs ungesündere, ökologisch schädlichere und riskantere Auto um.

Neben diesen praktischen Einwänden führt aber kaum jemand das grundsätzliche Argument gegen eine Helmpflicht an: die Arroganz des Staates, der bis ins Detail dem Bürger aufzwingen will, welche Risiken er für sich eingehen darf und welche nicht. Es sei betont: Es geht hier um das eigene Risiko – nicht um die Gefährdung anderer, die ein Ge- oder Verbot rechtfertigen würde. Nun mag dann der monetär motivierte Konter kommen, wonach schließlich die Gemeinschaft über die Krankenkassen die Folgen bezahle. Das aber ist hoch problematisch. Einmal abgesehen davon, dass es ausreichend Studien gibt, die den Nutzen des Helms bestreiten oder relativieren – so sind manchen Untersuchungen zufolge behelmte Radfahrer relativ gesehen häufiger in Unfälle verwickelt, was nahelegen könnte, dass man mit Helm unbewusst riskanter fährt. Das ist aber noch nicht einmal das Gravierendste: Gefährlich ist der Einwand mit der zahlenden Gemeinschaft aus einem anderen Grund: Wenn man damit einmal anfängt, ist es nicht mehr weit zu einem Staat, der das Rauchen verbietet und der vorschreibt, wie viel Butter und Bier der Bürger täglich zu sich nehmen darf.

Sicher, die Abwägung Sanktion versus individuelle Souveränität gilt es immer wieder zu bewerten. Sie trifft auch auf die Gurtpflicht für Autofahrer zu. Für den echten Liberalen ist sie schlimm genug, denn auch beim Gurt geht es nur um das eigene Risiko – wenigstens ist hier der Eingriff nicht ganz so schwerwiegend. Der Pflichthelm für den Radfahrer ist dagegen völlig unverhältnismäßig. Wie weit soll es denn noch gehen? Es ist zum Beispiel auch sicherer, als Fußgänger mit einer Motorrad-Lederkombi durch die Stadt zu laufen. Das würde vermutlich die Verletzungen mildern, wenn man angefahren wird (nicht zuletzt übrigens durch rücksichtlos rasende Radfahrer auf Bürgersteigen). Und warum dann keine Helmpflicht für Autofahrer? Der hat zwar anders als ein Radfahrer eine Knautschzone – aber bei den höheren Geschwindigkeiten sind die Kopfverletzungen bei Autounfällen nicht minder dramatisch.

Das Ganze hat auch etwas Heuchlerisches: Einerseits beschwört der Staat seit vielen Jahren immer mehr die „Eigenverantwortung“ seiner Bürger – nämlich da, wo er Verantwortung abwälzen, Geld sparen will. Zum Beispiel in puncto Rente, für die der Einzelne zunehmend selbst vorzusorgen hat. Aber wenn es um die persönliche Freiheit des Bürgers geht – da soll die Eigenverantwortung dann nicht mehr zählen?

 

Klaus Max Smolka, Journalist in Frankfurt, ist selber Radfahrer, aber wie er sich dabei kleidet, möchte er sich nicht vorschreiben lassen. Er war gut elf Jahre lang Frankfurt-Korrespondent der “Financial Times Deutschland”. Breite Themenpalette: Fusionen und Übernahmen, als Spezialgebiete Pharma und Chemie bis hin zu großen Themen wie der Debatte über Auswüchse des Kapitalismus. Berichtete zudem aus Politik und Wirtschaft in den Niederlanden – ob Philips oder Parlamentswahlen. 

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