Aufstand in Ägypten

Journalisten als Brandstifter

Ägypten droht im Bürgerkrieg zu versinken. Die Verantwortung dafür tragen jedoch nicht nur Militär und Muslimbrüder. Die Medien der Landes tragen ihren Teil dazu bei, denn sie werden von Realitätsverweigerern und Propagandisten der beiden Konfliktparteien beherrscht. Die Bevölkerung hat keine Chance, sich ein Bild von der Realität zu machen

Unstrittig ist, dass die ägyptische Militärführung die Hauptverantwortung für das Blutvergießen in den vergangenen Tagen und Wochen trägt. Sie hat es in der Hand, das Morden zu stoppen. Auch die Muslimbrüder haben ihren Teil beigetragen zu der tiefen Spaltung der ägyptischen Gesellschaft. Doch zu einer derartigen Eskalation, wie sie das größte arabische Land derzeit erlebt, hätten auch noch so blutrünstige Militärs, Hassprediger oder andere Strategen der Gewalt die Ägypter niemals alleine treiben können. Das war nur möglich durch das vollständige Versagen der ägyptischen Medien.

Nahezu sämtliche Zeitungen, Radio- und Fernsehsender haben in den vergangenen Monaten jegliche Distanz zu den Konfliktparteien aufgegeben und sich vollständig einer der beiden Seiten verschrieben. Das gilt nicht mehr nur für die schon immer als Propagandainstrumente verschrienen Staatsmedien oder die Blätter im Besitz der Muslimbruderschaft und deren Partei. Auch nahezu alle formell unabhängigen Medien verstehen sich inzwischen mehr als Kämpfer im Dienst einer Sache – im Zweifel als „Verteidiger der Revolution“, was die jeweilige Seite auch immer darunter versteht – denn als Berichterstatter.

Das Mittel in diesem Kampf sind längst nicht mehr nur wüste Hetze in Kommentaren, die Verdrehung von Tatsachen oder die ungeprüfte Wiedergabe von Gerüchten, die etwa die Sicherheitskräfte gezielt verbreiten, um die Gegenseite zu diskreditieren. Die Ägypter sind nicht mehr nur in zwei ideologische Lager gespalten, sondern leben in zwei völlig unterschiedlichen Realitäten, oder vielmehr: Realitätsblasen. Ein Teil der Bevölkerung entnimmt „ihren“ Zeitungen und Satellitensendern, dass die Sicherheitskräfte – in einigen Darstellungen gar unterstützt von israelischen Einheiten – über völlig wehrlose, unbewaffnete Demonstranten hergefallen sind. Der andere Teil der Ägypter erfährt aus der Staatspresse und den sogenannten liberalen Blättern und Sendern, dass die Sicherheitskräfte keinerlei Schusswaffen eigesetzt hätten und dass sogar die Opferzahlen des Gesundheitsministeriums übertrieben seien. Denn dort arbeiten angeblich viele Muslimbrüder, die die Statistiken fälschen würden. Gefälschte Bilder als Beweise für die Gräueltaten der Gegenseite gehören inzwischen zum Standardrepertoire.

Natürlich wurden in Ägypten immer schon Medien als Propagandainstrumente missbraucht. Die Staatsmedien haben sich noch jedem Machthaber an den Hals geworfen, und auch die Muslimbrüder hatten immer schon  ihre eigenen Propagandamittel. Das Tragische an der Situation derzeit ist jedoch, dass es – vor allem für den Großteil der Bevölkerung, der keinen Zugang zu ausländischen Medien hat – keine unabhängigen Alternativen mehr gibt.

Das war keineswegs immer so. Bereits Jahre vor dem Umsturz von 2011 waren mehrere Zeitungen und Internetseiten entstanden, die sich unter damals schwierigen Bedingungen einer unabhängigen Berichterstattung nach höchsten journalistischen Standards verschrieben hatten. Die Tageszeitung „al Masry al Youm“ etwa genoss, auch wenn das Mubarak-Regime sie dafür hasste, bei Ägyptern aller politischen Lager einen Ruf als verlässliche Nachrichtenquelle. Dazu kamen auf dem Höhepunkt des Aufstands auf dem Tahrirplatz die berühmten Blogs und Graswurzel-Nachrichtendienste, die über das Internet live Bilder und Nachrichten von den Demonstrationen verbreiteten und die Propaganda der Staatsmedien Lügen straften.

Ironischerweise haben ausgerechnet nach der Revolution die meisten dieser unabhängigen Medien jegliche Glaubwürdigkeit verloren. „Al Masry al Youm“ wurde nach einem Chefwechsel wie viele andere Blätter zum Propagandaorgan der Militärherrscher. Das ehemals von Aktivisten aller Richtungen getragene Nachrichtennetzwerk „Rasd“ etwa hat sich weitgehend in den Dienst der Muslimbruderschaft gestellt. Geblieben sind nur einige wenige, meist hoffnungslos unterfinanzierte Internet- und Facebook-Seiten von Journalisten, die sich der Vereinnahmung durch die Konfliktparteien verweigern. Für viele Ägypter, die keinen Internetzugang haben oder nicht einmal lesen können, bleiben diese jedoch unerreichbar.

Ohne eine grundlegende Reform der heimischen Medien muss der oft geforderte Dialog zwischen den Lagern in Ägypten eine Illusion bleiben. Eine Überwindung der Spaltung und Aussöhnung der Gesellschaft ist unmöglich, solange sich die Journalisten weigern, ihren Landsleuten ein halbwegs glaubwürdiges und unabhängiges Bild der Realität zu vermitteln.

Max Borowski verfolgt ägyptische Medien seit seinem Studium der Geschichte, Volkswirtschaftslehre und Islamwissenschaft in Kairo und Beirut.  2011 kehrte er für zwei Jahre in den inzwischen vom Arabischen Frühling erfassten Nahen Osten zurück. Er berichtete von dort aus für die „Financial Times Deutschland“, die Wirtschaftsmagazine „Capital“ und „Impluse“ sowie für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Die Welt“ und die Deutsche Welle.

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