Industriepolitik

Keine Angst vor China

Chinesen kopieren, Chinesen klauen, Chinesen machen unsere Wirtschaft kaputt. Genauso, wie es dereinst die Japaner taten. So das gängige Vorurteil. Ein albernes Vorurteil. Denn es gibt keinen Grund für die Parole „Kauft nicht bei Chinesen“. Denn die Volksrepublik hat ihre ganz eigenen Probleme

“Hütet Euch vor den Japanern”, pflegte mein Religionslehrer zu predigen. “Fotografieren alles ab, bauen es zu Hause nach – so machen sie unsere Wirtschaft kaputt.” 25 Jahre später mutet das skurril an. Wer hat noch Angst vor Japan?

Die Sorge vor der vermeintlichen Gefahr aus dem Osten ist indes geblieben. Das Land der Mitte hat die aufgehende Sonne abgelöst. Das Knipsen haben die Chinesen längst hinter sich. Die öffentliche Meinung: Unternehmen aus der Volksrepublik kopieren nach Lust und Laune westliche Marken und Patente, Louis-Vuitton-Taschen genau so wie komplette Shops von Apple. Dank menschenverachtender Produktionsmethoden unterbieten sie die Preise auf dem Weltmarkt, der Apple-Auftragsfertiger Foxconn gilt als Paradebeispiel. Und sie unterwandern mit ihrer besser werdenden Technologie den Westen, Telekomausrüster wie Huawei und ZTE bekommen deshalb keinen Fuß in die USA.

Die Hysterie treibt wilde Blüten – und ist genau das: Hysterie. Der Sicherheitsausschuss des britischen Parlaments hat vor einigen Wochen „schockiert” festgestellt, dass British Telecom mit dem Feind, sprich Huawei, zusammen arbeitet. Wohlgemerkt: Ein gutes Jahrzehnt machen die beiden Verträge, keinesfalls im Geheimen. Derweil äußern US-Senatoren ernsthafte Bedenken, ob sich das Land nicht hoffnungslos an China ausliefert, sollte die geplante, 5 Milliarden Dollar schwere Übernahme des Schweinefleisch-Verarbeiters Smithfield Foods durch Shuanghai International zustande kommen.

Doch das Motto “Kauft nicht bei Chinesen” ist albern. Nationale Industrien sind in der heutigen vernetzten Welt nicht einfach aus dem Ärmel zu schütteln. Der gestrig anmutende Vorschlag von Politikern, ein deutsches Google zu starten, um der umfangreichen Kommunikationsüberwachung der Amerikaner zu begegnen, macht das ebenso deutlich wie die fehlende Akzeptanz für De-Mail, die sichere Alternative für Emails. China hat schließlich, genau wie andere Staaten in Südostasien, Südamerika, Afrika viele Pfunde, mit denen das Land wuchern kann. Eine relativ junge, emsige Bevölkerung ist eines davon.

Zudem genießen die Firmen des Landes längst nicht den Komfort, der ihnen vielfach unterstellt wird. Staatskonzerne und Zukunftstechnologien mögen lange gepäppelt worden sein, auch dank der starken Hand des Staates im Bankensektor einfach an Finanzierung gekommen sein. Doch diese Phase geht zu Ende. Suntech, lange gefürchtet als Nemesis der deutschen Solarindustrie, ist vom Rang des weltgrößten Herstellers der Branche direkt in die Insolvenz geschlittert. Oder Cosco: Die größte Reederei des Landes, halbstaatlich, hat 2012 das zweite Jahr in Folge heftige Verluste geschrieben. Ein weiteres Minus-Jahr und es droht das Delisting von der Börse – und keine schützende Hand ist in Sicht.

Die Probleme der beiden sind beispielhaft für Anbieter aus Chemieindustrie oder Werften, Zementproduktion oder Unterhaltungselektronik: massive Überkapazitäten, die Folge von langjährigen Zuschüssen. Mit dem langsameren Wachstum der Volkswirtschaft – 7,8 Prozent Plus im vergangenen Jahr markierten den schwächsten Wert seit 13 Jahren – werden diese Fehlallokationen deutlicher. Experten beobachten Kannibalisierung in zahlreichen Branchen, einen Wettlauf um immer niedrigere Preise, Verluste.

Gleichzeitig macht sich die neue Führungsriege um Präsident Xi Jinping daran, Auswüchse des Wirtschaftssystems zu bereinigen. Die gezielte Verknappung von Krediten Mitte Juni ist nach Überzeugung vieler Beobachter erst ein Vorgeschmack, auch wenn die schärfsten Einschnitte nach Turbulenzen an den Märkten wieder etwas zurück gedreht wurden. Die Botschaft: Banken sollen in die Schranken gewiesen, Kreditwürdigkeit strenger geprüft und damit die Unternehmen zu nachhaltigerem Wirtschaften gezwungen werden.

Das Experiment muss nicht klappen. Seit Jahren sagen Kassandras der Volksrepublik China eine Implosion von Wohnungsmarkt, Banken, Industrie voraus. Geht die Kalkulation der Führung aber auf, wird die Wirtschaft weniger rasant wachsen, eine Bereinigung durchlaufen. Und sich in vielerlei Hinsicht normalisieren. Dann dürfte irgendwann auch das Misstrauen gegenüber den Chinesen abflauen, ähnlich wie es vor drei Jahrzehnten bei Japan der Fall war. Andere Anbieter werden dem Reich der Mitte einzelne Spitzenpositionen wieder abnehmen.

In der Zwischenzeit müssen Wettbewerber und Kunden in jenen Industrien, die ihnen als kritisch gelten, an Regeln und Sicherungsmechanismen arbeiten. Aber vor Pauschalverurteilungen sollten sie halt machen. Schließlich tröstet das Beispiel Japans: Die Firmen aus dem Inselreich sind anders als einst gefürchtet keineswegs in allen Industriezweigen top. Ihre Fotoapparaten sind allerdings spitze.

 

Ein erster Besuch in Beijing und Shanghai 2004 weckte die Lust auf Asien. Drei Jahre später machte sich Claudia Wannernach Stationen als Finanz- und Logistikredakteurin der „Financial Times Deutschland“, auf nach Hongkong – und lebt seitdem in der Millionenmetropole am südchinesischen Meer.

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