Kolumne: MyGration

Traut Euch, Ihr Profi-Angstbekämpfer!

Politiker und  Journalisten stürzen sich gerne auf spektakuläre Ereignisse. Schön. Manchmal aber wäre es besser, wenn sie sich länger für ein Thema interessieren und das wirklich Wichtige regeln würden: zum Beispiel den Menschen die Angst vor Flüchtlingen nehmen

Wie lange wird es noch dauern, bis der letzte Praktikant eines deutschen Onlinemagazins aus Berlin-Hellersdorf abgezogen wird? Ach, ist es schon so weit? Dann muss der angebliche Häuserkampf um ein Asylbewerberheim schlicht zu langweilig geworden sein, um noch für Schlagzeilen zu sorgen. Es hat sich wohl kein Neonazi-Depp mehr finden lassen, der dumpf den Arm zum Hitlergruß hebt, um mal wahrgenommen zu werden, und sei es nur für ein Pressefoto. Und auch keine Antifa-Aktivistin mehr, die „Nazis raus“ ins Mikrofon schreit.

Schade.

Dann ziehen wir Journalisten halt weiter, irgendwohin, wo sich dieses Mal vielleicht andere Randgruppen ordentlich eins auf die Mappe geben, sagen wir mal, die Grüne Jugend und die AfD.

Nun hackt ja die eine Krähe der anderen kein Auge aus. Und Medienkritik von Journalisten an Journalisten wird in der Branche nicht gerne gesehen. Aber sie muss manchmal sein. Denn es bedarf wahrlich keiner hellseherischen Fähigkeiten, um festzustellen: Das mediale Interesse an Asyl- und Flüchtlingspolitik wird erneut gen Null tendieren, wenn Nazis und Autonome in Berlin-Hellersdorf voneinander lassen. Mit dem Abflauen der Berichterstattung aber erlischt das Interesse der Politik an dem wichtigen Thema Asyl, erst recht in der Wahlkampfzeit. Wer will sich da schon die Finger verbrennen?

Schön und gut, dann warten wir halt die paar Wochen bis zur Bundestagswahl ab. Aber dann gibt es einiges zu tun in der Asylpolitik, zumal die Zahl der Flüchtlinge zuletzt relativ stark gestiegen ist. Panik und Alarmrufe des Bundesinnenministers sind allerdings komplett fehl am Platze, ein handfestes Asyl-Problem existiert nicht. Insgesamt sind die Zahlen noch so gering, dass Deutschlands Aufnahmekapazität längst nicht erreicht ist. Es besteht jedoch Reformbedarf: Die Kommunen beklagen sich zu Recht, dass sie bei der Unterbringung der Flüchtlinge alleine gelassen werden. Und die Flüchtlinge würden sich sicherlich über die Ressentiments in der Bevölkerung beklagen, wenn sie jemand fragen würde.

Dass mehr Flüchtlinge kommen, kann trotz politischer Abwehrmaßnahmen nicht verwundern. Die meisten stammen aus Kriegs- und Krisenländern, aus Afghanistan, dem Nordkaukasus oder eben Syrien, dahinter dicht gefolgt Menschen aus dem Irak, Pakistan und Somalia. In Syrien ist die Situation völlig unklar – und die Folgen eines Militärschlags gegen das Assad-Regime sind noch gar nicht abzusehen. Nur so viel kann man sagen: Weniger werden die Schutzsuchenden jedenfalls nicht.

Hinzu kommt: Die Bearbeitungsdauer der Asylentscheidungen hat sich in diesem Jahr nochmals verlängert. Während im ersten Quartal eine behördliche Entscheidung im Durchschnitt knapp acht Monate dauerte, stieg sie im zweiten Quartal auf neun Monate an. Vor einem Jahr dauerte es noch weniger als sechs Monate, bis die Asylbewerber erfuhren, ob sie bleiben dürfen oder nicht. Wer in der Warteschleife hängt, kann nicht für seine Zukunft planen.

Seit Jahren diskutiert die Politik über die Abschaffung oder wenigstens teilweise Aufhebung der Residenzpflicht – passiert ist so gut wie nichts. Diese Auflage hindert Flüchtlinge oder Geduldete, ihren Landkreis zu verlassen. Und arbeiten dürfen sie auch erst einmal nicht. Vor allem dieses Arbeitsverbot stiftet zu Untätigkeit an und separiert die Menschen vom normalen Leben. Es ist eine Art selbsterfüllende Prophezeiung: Sie dürfen nicht arbeiten und lungern vor ihren Unterkünften herum, einige weichen auf illegale Tätigkeiten wie Drogenhandel aus. Und die Bevölkerung bekommt Angst vor der verrohten Sippe, die – einer entmenschlichten Masse gleich – zudem aus Kostengründen in Sammellagern steckt.

Genau darin steckt der Unfrieden, der in Hellersdorf zu besichtigen ist. Es ist nicht nur der Konflikt zwischen ewig dumpfen Neonazis und kaum dazulernenden Linksautonomen. Hellersdorf ist überall, auch wenn dort die sozialen Probleme und die Bildungsferne vieler Bewohner sicherlich verstärkend wirken. Es besteht doch kein Zweifel, dass gut situierte Eltern in einem bürgerlichen Stadtteil in, sagen wir Köln-Rodenkirchen, genauso wie die Hellersdorfer „Angst um ihre Kinder“ im Angesicht einer Flüchtlingssammelunterkunft empfänden. Und sich dagegen wehren würden. Das passiert ja auch regelmäßig, derzeit beispielsweise im unterfränkischen Rechtenbach. Flüchtlingen helfen – ja klar, da sind wir fast alle für! Aber bitte nicht vor unserer Tür! Wem schon ein Windrad oder ein Funkturm vorm Gartenzaun zu viel ist, der wird bei Asylbewerbern kaum vor Begeisterung in die Luft springen.

Neben einer schnelleren Bearbeitung der Anträge und einer Arbeitserlaubnis wäre es wünschenswert, Asylbewerber dezentral und in kleineren leerstehenden Wohnungen unterzubringen – damit Kontakt zu deutschen Nachbarn entsteht. Und die Bevölkerung ihre Angst vor den fremden Flüchtlingen nach und nach verliert. Dazu gehört es, den Einzelnen zu sehen und zu erleben. Wenn wir permanent nur über Zahlen und Sammelunterkünfte reden und die Asylbewerber darin hindern, ein halbwegs normales Leben zu führen, wird aus einer Gruppe von Individuen eine amorphe Masse, die uns bedrohlich erscheint.

Diese falsche Wahrnehmung muss politisch und medial bekämpft werden. Erst dann können wir Journalisten uns getrost anderen Themen zuwenden.

 

Martin Benninghoff, Journalist in Hamburg, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Seine OC-Kolumne MyGration erscheint jeden Mittwoch.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 13 Bewertungen (3,46 von 5)