Kolumne: Auf einen Klick

Wenn das Internet dumm macht

Der Netzaufreger der letzten Woche hieß NNZ, eine Onlineseite, die mit billigen Sprüchen und einem Busenfoto für sich wirbt. Tausende Twitterer und Facebooker liefen Sturm, es ging wieder um Sexismus und das Ende des Journalismus. Die wenigsten von ihnen haben sich darum geschert, was hinter der Kampagne wirklich steckte: Werbung – und die funktioniert schon immer nach ganz eigenen Regeln

 

Das Internet ist faul, hysterisch, dumm und eingebildet. Das ist schade, denn es könnte tatsächlich eine Bereicherung sein, für die politische Debatte, für die Gesellschaft, oder gar für einen langweiligen Nachmittag – wenn es denn nicht diese Nutzermasse gäbe. Beweisstück A für diese These heißt „Neue Nordhäuser Zeitung“, oder kurz NNZ. Diese Online-Seite grub eine alte Idee aus namens „Sex sells“: Ihre Macher verbreiteten ein Werbebild mit einem Blick in ein Frauendekolleté und texteten „Die Neue kommt schneller als die Alte – NNZ“.

Nordhausen – das kann, muss man aber nicht wissen – ist eine Kreisstadt im Norden Thüringens, mit rund 42.000 Einwohnern. Die Lokalzeitung heißt dort „Thüringer Allgemeine“. Auf NNZ-Online dürfen Vereine und Unternehmen ihre selbst verfassten Aufsätze veröffentlichen, die Redaktion besteht aus dem Chefredakteur und ein paar Honorarkräften. Die NZZ ist ein Netzprojekt einer kleinen Werbeagentur, zu deren herausragenden Arbeiten unter anderem das neue Logo für den Nordhäuser Wasserverband und die Internetseite für das Autohaus Peter gehören.

Das alles über die NNZ und Nordhausen zu erfahren ist nicht schwer, ein paar Klicks auf die jeweiligen Impressumseiten genügt dafür. Und es hätte vielleicht dem einen oder anderen klar gemacht, dass er diese Aufsatzseite nicht allzu ernst nehmen muss.

Aber dazu sind viele Aufschreier offenbar zu faul. Sie nennen die NNZ eine „Zeitung“, eine „Redaktion“, tun so, als handele es sich um ein relevantes Medium. Redaktion und Zeitung, das riecht nach Print, also nach alten, schmierigen Männern mit Zigarren und Klaps für die Sekretärin. Da rümpfen die Netzschreier doch nur zu gern die Nase. Sie verbreiten also diese Anzeige (die laut NNZ übrigens schon zwölf Jahre alt sein soll und nur auf einer hinteren Seite zu finden ist) über Twitter und Facebook, schreiben „da dreht eine Redaktion völlig durch“ oder „Humor ist, wenn Zeitungen sterben“ und versehen es mit den Twitter-Hashtags #Aufschrei, #Zeitung und #Ichkaufdasnicht – wie gesagt, es ist eine kostenlose Online-Plattform.

Doch die Nichtrelevanz der NNZ kann die Hysterie nicht stoppen: Rainer Brüderle war, als eine „Stern“-Redakteurin seine plumpe Anmache publik machte, immerhin FDP-Spitzenkandidat. Der „Stern“ mit seinen früheren Titten-Titeln ist immerhin ein deutschlandweites Magazin. Joachim Gauck war, als er vor dem „Tugendfuror“ warnte, Bundespräsident. Geht es nach der Tweet-Anzahl, spielt die Nordhäuser Website in der gleichen Liga. Die Reaktion des NNZ-„Chefredakteurs“ wird bundesweit verbreitet, ebenso die Kritik der städtischen Gleichstellungsbeauftragten. Und als schließlich noch „Spiegel-Online“ drei Tage nach Entdeckung der Werbung auf den Hysteriezug aufspringt, wird das gleich von den Netz-Lautsprechern als Relevanzbeleg genommen. Taz-Kolumnistin Silke Burmeister ruft anlässlich dieses Vorfalls gar zur Demo gegen Sexismus am 1.9. in Berlin auf.

Klug ist das nicht, im Gegenteil. Es ist dumm. Die werbefinanzierte NNZ dürfte in den vergangenen Tagen wahrscheinlich so viele Klicks gesammelt haben wie im ganzen vergangenen Jahr nicht. Viele Nordhäuser Bürger werden durch diese Debatte überhaupt erst mitbekommen haben, dass es diese Onlineseite gibt. Die Werbung hat gewirkt. Die einzigen Verlierer dürften daher die Hauptwerbekunden von NNZ sein: Auf die Detektei Kleofas aus Bleicherode und den Betonbauer Habau dürften für diesen Monat deutlich höhere Klickabrechnungen zukommen.

Aber das wird den Twitteren und Facebookern sicher egal sein. Sie dürften sich tatsächlich einbilden, mit solchen hysterischen Debatten tatsächlich etwas zu erreichen – und wenn nur, dass sie sich nach der Absetzung jedes Tweets selbst als bessere Menschen fühlen können. Dass Ignorieren auch eine Waffe sein kann, gerade gegen publicitysüchtige Internetprojekte wie NNZ, das scheint im Netz noch nicht angekommen zu sein. Nicht alles, was im Netz stattfindet, ist relevant. Das aber wollen sich offenbar viele Netzianer nicht eingestehen. Es könnte ja dann womöglich auch für sie selbst gelten.

 

Falk Heunemann kennt sich aus in Thüringen. Er arbeitete als Parlamentskorrespondent für die “Thüringer Allgemeine”, ehe er ins Kommentarteam der “Financial Times Deutschland” wechselte. Absolvent der Deutschen Journalistenschule München, Buchautor (u.a. “Die Erfindung der Linkspartei”), Gewinner des Glossenpreises “Segen 2012″.

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