Gesellschaft

An der Grenze des Geschmacks

Der Urlaub in kulinarischen Schlaraffenländern wie Italien könnte so schön sein – wenn die Tischmanieren der anderen nicht wären. Es wird endlich Zeit, die Einreise für Essensbanausen zu beschränken

 

Wenn ich in den Urlaub fahre, möchte ich manchmal mit allen Mitteln verhindern, dass man mich als Tourist erkennt. Das hat weniger damit zu tun, dass ich mich dafür schäme. Nein, ich schäme mich für gewisse andere Touristen. Die Sorte, die in kulinarische Paradiese wie Frankreich ihr Schwarzbrot mitnehmen oder am Buffet im Hotel glauben, es gibt nur einmal die Woche Essen und die anderen Tage zehrt man von dem, was man auf seinem Teller stapeln kann.

Die Academia Barilla in Parma leidet anscheinend genauso wie ich unter manchen Tischmanieren der Gäste und hat eine Liste mit den zehn Geboten der italienischen Küche aufgestellt. Diese enthüllen die schlimmsten Essenssünden, die Besucher ihres Landes nach Meinung des Lebensmittelinstituts begehen können: Cappuccino nicht nach dem Essen trinken! Risotto ist keine Beilage, sondern ein Hauptgericht! Und, ganz wichtig: Auf Nudeln gehört niemals Ketchup!

Gebote sind ja schön und gut, aber man weiß ja aus der Bibel, wie oft gegen sie verstoßen wird. Da muss man rigoroser vorgehen, Mein Vorschlag: Führt im Schengen-Raum wieder die Visumspflicht ein! Einreisen darf man nur dann, wenn man sich nachweislich mit den Essenssitten und Normen im Reiseland der Wahl auskennt.

Richtig Austern schlürfen

Spätestens im Flugzeug oder an den wieder eröffneten Grenzkontrollen (da ergeben sich auch neue Arbeitsplätze – besonders für Spanien und Griechenland interessant) müsste man dafür seine kulinarischen Vorkenntnisse beweisen, sodass der Aufenthalt für Gast und Gastgeber gleichermaßen angenehm wird. Wer durchfällt, muss zurück nach Hause. Ohne Abendessen.

Frankreich-Urlauber sollten die feinen Unterschiede zwischen Merlot und Malbec kennen, ein Croissant richtig und ohne zu kleckern in den Kaffee tunken können und wissen, wie man eine Auster isst. Italien könnte endlich die Ketchup-Nudelkiller abweisen und nur die Menschen reinlassen, denen es nicht latte ist, zu welcher Mahlzeit man seinen Cappuccino trinkt.

Wenn das Modell des guten Geschmacks erfolgreich ist, kann man es auch außerhalb Europas etablieren. Die Flüge nach Asien dauern so lang, da gibt es nicht nur Theorie, sondern Praxis. Bei drei Mahlzeiten an Bord ist schließlich genug Zeit, um herauszufinden, mit welcher Schlürftechnik die Nudelsuppe am schnellsten abkühlt und wie man richtig mit Stäbchen umgeht. Die Stewardessen kontrollieren reihenweise die Ergebnisse – und wer den Test nicht besteht, fliegt postwendend zurück in die Heimat.

Einziges Problem bei der Aktion: Wenn man Urlaub im eigenen Land macht, trifft man die Essensbanausen und Visadurchfaller zwangsläufig wieder. Am Buffet in einem deutschen Hotel. Aber zumindest mit den Cappuccino-nach-dem Essen-Trinkern kann ich mich irgendwie arrangieren.

 

Angelika Dehmel, Journalistin in Hamburg, hat als Studentin ebenfalls Nudeln mit Ketchup ertränkt (ein Notfall!), isst aber zumindest ihre Spaghetti mit Löffel und Gabel. Nicht mit dem Messer.

 

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