Wirtschaft

Der Chef ist eigentlich egal

Microsoft wechselt seinen Vorstandsvorsitzenden Steve Ballmer aus. Zu groß scheinen die Probleme, zu weit enteilt die Konkurrenz. Besser werden dürfte für den Konzern dadurch aber erst einmal nichts. Denn gerade die IT-Branche zeigt, wie wenig Chef und Geschäft miteinander zu tun haben

Steve Ballmer wird nach mehr als 13 Jahren bald als Chef von Microsoft abtreten. Na und? Soll die die Börse ruhig jubilieren – nach Bekanntwerden der Nachricht schnellte die Microsoft-Aktie um knapp zehn Prozent in die Höhe –, wirklich ändern wird sich auch mit einem neuen Chef so schnell nichts. Es werden weiterhin weniger PCs verkauft, und im Geschäft mit Handy-Software sind Apple und Google meilenweit voraus. Daran wird auch Ballmers Nachfolger so schnell nichts ändern. Und wenn es überhaupt gelingt, wird er den Erfolg zwar für sich reklamieren – damit zu tun wird er aber wenig gehabt haben.

Denn in Wirklichkeit sind die Chefs kaum mehr als die Maskottchen der Großkonzerne: Alle kennen sie, einige lieben, andere hassen sie. Nur spielentscheidend sind sie nie. Denn die wirklich wichtige Arbeit wird in der zweiten und dritten Reihe des Unternehmens erledigt, und die wirklich wichtigen Strippen werden im Aufsichtsrat gezogen. Der Chef? Ist irgendwo in der Mitte eingeklemmt, dazu verdammt, trotz seines Mangels an echtem Einfluss dynamisch-kompetent zu wirken und seinen Hut zu nehmen, wenn etwas schief läuft.

Ob ein Unternehmen Erfolg hat, hängt in erster Linie von zwei Fragen ab: Wie gut ist das Produkt? Und wie gut wird es verkauft? Schwächen der einen Seite können dabei bis zu einem gewissen Grad von der anderen ausgeglichen werden – mit beidem hat ein Vorstandsvorsitzender aber tatsächlich nur wenig zu tun. Weder entwickelt er und kümmert sich um die Details, die am Ende für jeden Nutzer entscheiden, ob das Produkt Lust oder Last ist. Noch kümmert er sich en detail darum, wie das Endergebnis wirklich an die Frau oder den Mann kommt. Bestenfalls sorgt er dafür, dass seine Leute von beiden Seiten genau darüber miteinander reden.

Da machen auch geniale Gründer-Chefs wie Steve Jobs keine Ausnahme: Ohne ihre Mitarbeiter und Untergebenen sind sie nichts. Sicher: Jobs krempelte mit iPod, iPhone und iPad die ganze Branche um – und ist dadurch mittelbar Schuld an Ballmers Abgang. Aber keines der Apple-Geräte hätte je ohne das Design eines Jonathan Ive und seines Teams dieses „Will ich haben!“ ausgelöst. Und nie hätte eine Computer-Bude wie Apple träumen dürfen, jemals als dermaßen cool zu gelten – hätten nicht Vermarkter wie Phil Schiller und Ron Johnson gemeinsam mit ihren Leuten am Image gebastelt. Jobs’ „One more thing…“ war die Sahnehaube – für sich allein wäre es aber wertlos gewesen.

Und die Aufzählung lässt sich beliebig fortsetzen:

Facebook? Mark Zuckerbergs Idee für das Netzwerk war sicher brillant. Ohne erfahrene Manager wie Sheryl Sandberg oder Politiker wie Richard Allan um sich herum wäre er aber wohl aufgeschmissen.

Nokia? Konzernchef Stephen Elop – übrigens selbst ein Ex-Microsoft-Manager und offenbar heißer Kandidat für Ballmers Nachfolge – müht sich seit bald drei Jahren, den ehemaligen Handy-Weltmarktführer wieder auf Kurs zu bekommen. Er hat dabei zwar langsam Erfolg, ein Heilsbringer ist er aber nicht.

Trotzdem macht der Chefwechsel im Fall Microsoft aber Sinn: Ballmer hatte zuletzt einfach sein Showtalent verloren. Zog er als glatzköpfiger Berserker früher auf Präsentationen eine wahnsinnige Show ab und brachte den Saal zum kochen, war er in den vergangenen Jahren nur noch ein Abglanz alter Zeiten. Große Präsentationen, etwa beim letzten Auftritt Ballmers auf der CES in Las Vegas Anfang 2012, waren weder spannend noch unterhaltsam, sondern höchstens überspannt. Ein Maskottchen ohne Unterhaltungswert bringt aber nichts.

Stephan Radomsky, Journalist in Berlin, war von Ballmers letztem Auftritt in Las Vegas fürchterlich enttäuscht. Hunderte Journalisten und Analysten – aber eine miese Show. Dass Radomsky deswegen inzwischen nur noch mit Apple-Produkten arbeitet, ist allerdings ein böses Gerücht.

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