Kolumne: Auf einen Klick

Die einzig richtigen Fragen für die Wahlentscheidung

Wahlprogramm-Vergleiche und Wahlomaten wollen Bürgern eine Antwort darauf geben, wie sie am Sonntag wählen sollen. Das Problem dabei: Sie stellen die völlig falschen Fragen. Wähler interessieren sich nicht für konkrete Inhalte. Hier kommen deshalb die richtigen Fragen:

Der erhellendste Moment des diesjährigen Wahlkampfs ereignete sich ausgerechnet bei Günther Jauch, am vergangenen Sonntag gegen 22:20 Uhr. Da unterbrach der Moderator die routinierte Talkrunde und zeigte einen kleinen Film über die Lage von Leiharbeitern. Für die Sendung wurden 50 von ihnen bei ThyssenKrupp befragt, wen sie wohl wählen wollten. Das (nicht repräsentative) Ergebnis überraschte: Nicht etwa für die Linkspartei oder die Grünen oder die SPD stimmten die Befragten – obwohl diese Parteien sich für höhere Löhne und bessere Leiharbeitsverträge einsetzen. Nein, sie stimmten für die CDU. Und das deutlich, mit 64 Prozent. Ausgerechnet jene Partei, die befristete und geringer bezahlte Leiharbeit sogar ausbauen möchte. Geht es nach den Programm-Vergleichen und den interaktiven Wahlomaten, dürfte das eigentlich nicht sein.

Noch nie gab es so viele wie in diesem Jahr. Nicht nur die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) hat einen aufgelegt, auf Basis der Wahlprogramme. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat extra hunderte Abgeordnete befragt und dies ausgewertet. Die „Frankfurter Rundschau“ hat ebenfalls einen programmiert für die Hessenwahl. Immer können die Nutzer interaktiv Fragen beantworten, anhand deren Ergebnis dann die Partei ermittelt wird, die einem am nächsten steht. Ganz zu schweigen von den unzähligen Programmvergleichen im Internet, TV oder in Zeitungen, die die seitenlangen Parteikonvolute verständlich und pointiert zusammenfassen

Problematisch daran ist nicht, dass es sie gibt. Das Ziel ist ehrenwert, und jedem sei empfohlen, sie zumindest mal auszuprobieren. Auch das Ergebnis ist nicht das Problem. Denn man erhält oft die Angabe, dass drei, vier oder fünf Parteien einem nahe stehen, da sie nur wenige Prozentpunkte von der eigenen Ansicht trennen.

Der Ansatz ist völlig falsch. Denn deutschen Bürgern geht es offensichtlich bei ihrer Wahlentscheidung nicht um einen Faktenvergleich. Sie entscheiden über ihr Kreuz oft nicht rational. Sie wägen nicht ab, ob die CDU eine bessere Umweltpolitik verfolgt als die SPD oder das Steuerkonzept der Grünen ihnen mehr erspart als das der FDP. Das Bild eines informationshungrigen, aufgeklärten, abwägenden Menschen, des Homo Economicus, wollen sie nicht erfüllen.
Sie gehen nach Gefühl, das ist weniger anstrengend und zeitraubend. Hier deswegen ein Konzeptvorschlag für einen Gefühls-Wahlomat:

Hassen Sie Veränderungen? Fahren Sie gern an denselben Ort zum Urlauben? Kaufen sie gern in der Nähe ein, weil sie das kennen? Geht es Ihnen eigentlich ganz gut? Wollen Sie, dass das so bleibt? Halten Sie die Deutschen für die fleißigsten, reichsten, größzügigsten Europäer? Halten Sie die Bürger anderer Staaten für faul? Scheren Sie sich nicht um Ergebnisse oder um gebrochene Versprechen, solange es Sie nicht konkret betrifft? Erwarten Sie nichts? Dann sollten Sie CDU wählen.

Leben Sie in Hamburg-Eimsbüttel, Berlin-Prenzlauer Berg, München-Schwabing? Betanken Sie Ihren Rover Mini mit E10-Benzin? Trinken Sie gern Bionade, weil das so schön nach Bio klingt? Oder Latte Macchiato nur mit Soja-Milch? Fahren Sie gern an den selben Ort zum Urlauben, sofern das Ziel in Asien oder Südamerika liegt? Haben Sie ein iPhone? Dann sind die Grünen wohl etwas für Sie.

Finden Sie, dass Sie mehr Geld bekommen sollten? Dass alle anderen, die weniger haben, das auch nicht verdient haben? Dass ihnen alle anderen Parteien nicht genug Geld versprechen? Verstehen Sie unter „Freiheit“ die „Freiheit, keine Steuern zahlen zu müssen“? Dann ist die FDP was für Sie.

Finden Sie, dass Sie mehr Geld bekommen sollten, egal wofür? Dass alle anderen, die mehr haben, das nicht verdient haben? Dass ihnen alle anderen Parteien nicht genug Geld versprechen? Kommen Sie überdies aus dem Osten? Oder aus dem Saarland? Und finden es da eigentlich ganz schön? Dann dürften Sie sich für die Linke entscheiden.

Kaufen Sie gern das neueste Smartphone? Hatten Sie Mathe, Physik oder Informatik als Abiturfach? Mögen Sie Ihre langen Haare (sofern Sie ein Mann sind)? Halten Sie die Datenschutzpolitik von Apple für unverantwortlich, haben aber trotzdem einen Mac? Halten Sie Ubuntu für unterschätzt? Wissen Sie überhaupt, was das ist? Dann machen Sie Ihr Kreuz bei den Piraten.

Rechnen Sie noch beim Einkaufen in D-Mark um? Halten Sie den Euro für unnötig, da Sie sowieso immer nur Urlaub in Bayern machen? Haben Sie noch eine Klorolle im Rückfenster Ihres Opels stehen? Haben Sie sich das neueste Buch von Thilo Sarrazin gekauft? Dann sollten Sie die Alternative für Deutschland in Betracht ziehen.

Haben Sie sich bislang nicht wiedergefunden? Geben Sie gern nach? Machen Sie gern Kompromisse? Dann wählen Sie sicher SPD.

Falk Heunemann, Autor in Hamburg, war Politikredakteur der “Thüringer Allgemeine” und Kommentarredakteur der “Financial Times Deutschland”. Der Buchautor (“Die Erfindung der Linkspartei”) schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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