Pädophilie

Die Pädo-Sau

Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin ist ins Visier geraten, weil er sich vor Jahren für Pädophile stark gemacht hat. Die Aufregung darüber ist indes völlig absurd. Denn Trittin ist für etwas eingetreten, was es gar nicht gibt

Nach dem Triumph der CSU, mehr noch nach dem Debakel der FDP in Bayern, das den Ausgang der Bundestagswahl offener macht als je zuvor, ist die Jagd auf den politischen Gegner eröffnet. Eine Sau wird durchs Dorf getrieben: Sie heißt in gewollter begrifflicher Unschärfe bald Pädophilie, bald Päderastie. Reiten muss das rosa Ringelschwanztier, nach dem Roten Dany Cohn-Bendit, nun der grüne Spitzenmann Jürgen Trittin. Dass dem eher grau rüberkommenden Theoretiker niemand zutraut, persönlich Dreck am Stecken zu haben, tut nichts zu Sache: Lustvoll erregte Konkurrenten und ihre publizistischen Hilfstruppen fordern ihn zum Rücktritt auf. Zumindest „ruhen lassen“ müsse er seine Kandidatur, was immer das wenige Tage vor dem Urnengang bedeuten soll.

Was hat Trittin getan? Vor 32 Jahren hat er als Student ein Wahlprogramm der Göttinger Grünen-Vorläufer presserechtlich verantwortet, in dem sich folgender Satz findet: „Die §§ 174 und 176 StGB sind so zu fassen, dass nur Androhung oder Anwendung von Gewalt oder die Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses unter Strafe stehen.“ § 174 stellt den Missbrauch Schutzbefohlener, § 176 den von Kindern unter Strafe. Auf den ersten Blick wäre die Forderung nach ihrer Abschaffung abscheulich. Eine, wie Trittin selber längst und wiederholt eingeräumt hat, aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbare Verirrung. Schlimm vor allem deshalb, weil der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im grün-alternativen Milieu ähnlich gehäuft und teilweise systematisch betrieben wurde wie in der katholischen Kirche.

Die Empörung, mit der nun manche Kommentatoren die Grünen als kulturelles Phänomen in Bausch und Bogen verdammen, hat viel von dem anti-katholischen, ja anti-christlichen und antireligiösen Furor, der den Kirchen entgegenschlägt. So vermessen es aber wäre, die Arbeit von Pfarrern auf den Missbrauch von Messdienern zu verkürzen, so vermessen ist es, die Grünen als Pädo-Sekte zu diffamieren. Auch in dem von Trittin unterzeichneten Papier zu den Rechten von Schwulen und Lesben stehen, außer dem Quatsch mit den Paragrafen 174 und 176, viele vernünftige Forderungen, die heute geltendes Recht geworden sind. Zum Beispiel die Streichung des Paragrafen 175, der homosexuelle Beziehungen unter Strafe stellte; damals war er noch geltendes Unrecht.

Zwanglosen Sex mit Kindern gibt es nicht

Aufschlussreicher als dieser allgemeine Appell zur Mäßigung des Urteils über verjährte Jugendsünden ist ein zweiter, genauerer Blick auf den Gegenstand der Erregung. Warum empört sich denn der gesunde Menschenverstand gegen die Forderung, sexuelle Handlungen mit, an oder vor Kindern straffrei zu stellen? Nun eben, weil ein normal empfindender, Kinder mit gesunden Augen betrachtender Mensch weiß, dass solche Handlungen ohne Anwendung oder Androhung von Gewalt beziehungsweise ohne Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses niemals vorkommen würden. Genau dann aber sollten sie nach den Vorstellungen der Göttinger Grün-Alternativen des Jahres 1981 strafbar bleiben! Die Empörung hat also gar keinen Gegenstand. Die im Zuge der sexuellen Befreiung längst nicht nur im grünen Milieu fantasierten zwanglosen und gewaltfreien sexuellen Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen – es gibt sie in Wirklichkeit nämlich gar nicht.

Der ehrlichere Teil der Empörung richtet sich gegen die bloße Vorstellung, dass es sie geben könnte. Dann aber geht es nicht um den Schutz von Kindern, sondern um den Schutz einer Vorstellung davon, wie Kinder zu sein haben, nämlich asexuell. Um es klar zu sagen: Es gäbe keinen Grund, und es wäre sittlich nicht zu rechtfertigen, freiwillige, gewaltlose, ungezwungene und gesundheitlich unschädliche sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen zu verbieten, wenn es sie denn gäbe. Die einschlägigen Paragrafen sind allein deshalb richtig, nötig und geboten, weil es solche Kontakte – und Kinder, die sie wünschen – eben nur in der kranken Phantasie von Kinderschändern gibt.

Dem weniger ehrlichen Teil der öffentlichen Erregung geht es indes weder um Kinderschutz noch um Prüderie. Sondern darum, den politischen Gegner als Pädo-Sau ins Moor und auf den Scheiterhaufen zu werfen.

Joachim Helfer, Schriftsteller in Berlin, geht die moralische Überhebung der Grünen Gutmenschen auch oft auf die Nerven. Beim bajuwarischen Haberfeldtreiben des CSU-Generals Alexander Dobrindt aber hebt es ihm den Magen.

 

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