Kolumne: Mein Held der Woche

Gut gebeichtet, Brüderle

Der FDP-Spitzenkandidat will das Erziehungsgeld rückgängig machen – das seine eigene Partei kürzlich erst durchs Parlament gebracht hat. Soviel Reue ist heldenhaft. Und wir haben noch ein paar Vorschläge zur tätigen Reue

 

Werter Herr Brüderle, glauben Sie an Vorahnungen? An dieses „Ich wusste es!“. An dieses Gefühl, ganz genau zu wissen, dass etwas ganz Bestimmtes eintreten wird.

Wir glauben daran, zumindest seit kurzem. Von Anfang an waren wir uns nämlich sicher, dass Sie, werter Herr Brüderle, an dieser Stelle einmal Erwähnung finden würden. Nicht, weil wir dies partout wollten, sondern weil Sie sich hart den Ruf erarbeitet haben, für solch lobende Erwähnungen gerne Steilvorlagen zu liefern. Das ist nun passiert. Die Vorsehung!

Sie wollen das Betreuungsgeld, vulgo: Herdprämie, auf den Prüfstand stellen, falls es nach der Bundestagswahl wieder zu Schwarz-Gelb kommt. Haben Sie gesagt, in einem Interview. Nein, Sie haben dabei nicht vergessen, dass ihre Freidemokraten erst vor zehn Monaten diese Prämie durch den Bundestag gepeitscht haben. Es war aber nicht Ihr Herzensanliegen, sagen Sie, aber es stand eben so im Koalitionsvertrag, und daran fühlten Sie sich gebunden.

Das verstehen wir, denn das kennen wir. Sie berufen sich sozusagen auf Befehlsnotstand, und das haben wir schon von unseren Großeltern in ähnlicher Form gehört. Egal. Jedenfalls wollen Sie bei den nächsten Koalitionsverhandlungen mit der Herdprämien-CDU das Thema auf die Tagesordnung setzen. Und das irritiert uns dann doch ein wenig. Wir sind der festen Überzeugung, dass Sie und ihre Freidemokraten schon bei den letzten Koalitionsverhandlungen mit am Tisch gesessen haben. Aber vielleicht täuschen wir uns ja auch. Oder es lief ein Fußballspiel und das Thema Herdprämie ist Ihnen irgendwie durchgerutscht. Oder so.

Egal. Gut finden wir jedenfalls, dass Sie bereit sind, einen Fehler einzugestehen. Das hat in dieser demoskopiegläubigen Politikerwelt schon etwas Heldenmütiges. Und vor allem: Lassen Sie nicht nach in Ihrem Eifer! Denn es gibt noch so viel mehr zu korrigieren.

Wie wär’s denn mit dem Hotelier-Geschenk, jener unseligen Mehrwertsteuerreduktion für Hotel-Übernachtungen? Sie könnten ja sagen: Ordnungspolitisch ist diese Bevorzugung einer einzigen Berufsgruppe Humbug und gerade für uns Liberale nicht hinnehmbar. Deshalb werden wir sie bei den nächsten Koalitionsverhandlungen kippen.

Wie wär’s denn mit der „Stern“-Redakteurin, der Sie eine dirndlfüllende Oberweite attestierten und die Sie daraufhin in einem Artikel als anzüglichen, alten Mann desavourierte? Sie könnten ja sagen: Hab ich nicht so gemeint, aber wenn Sie’s so aufgefasst haben, dann entschuldige ich mich.

Wie wär’s denn mit der FDP-Spitzenkandidatur, die Sie partout haben wollten? Sie könnten sagen: Tut mir leid, aber ich hatte übersehen, dass ein alternder Weinköniginnen-Umarmer nicht das richtige Aushängeschild ist für eine Partei, die modern und zukunftweisend wirken will.

Obwohl: Das können Sie auch am 23. September machen, denn jetzt änderen Ihre Beichten eh nichts mehr am Ergebnis der FDP. Wir fürchten nur: Dann interessiert es auch keinen mehr.

 

Andreas Theyssen, Autor und Berater in Berlin, verfolgt die Karriere von Rainer Brüderle, seit der 1998 erstmals für den Bundestag kandidierte, zuerst für „Die Woche“, später für die „Financial Times Deutschland“. Theyssens OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ erscheint jeden Freitag.

 

 

 

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