Wahlen

Lauter rote Verlierer

Beim Kanzlerduell konnte niemand punkten: Angela Merkel nicht, Peer Steinbrück nicht, und auch die professionellen Frager nicht. Es reicht eben nicht, einfach nur der bessere Sozialdemokrat sein zu wollen, findet OC-Autor Joachim Helfer

 

Auf den ersten Blick stimmte die Rollenverteilung beim Fernsehduell der Kanzlerkandidaten. Der sozialdemokratische Herausforderer warb angriffslustig für Fortschritt hin zu mehr Gleichheit, die konservative Amtsinhaberin mit souveräner Gelassenheit dafür, dass alles bleibt wie es ist. Daran ist höchstens überraschend, dass man Peer Steinbrück, einem Sozialdemokraten vom eher bürgerlich-liberalen Schlag eines Helmut Schmidt, bisher kaum zugetraut hätte, halbwegs glaubhaft den Klassenkämpfer zu geben; oder doch wenigstens den Anwalt der Nichtbesserverdienenden. Wobei sein Auftritt so betont sachlich blieb wie die Reaktion Angela Merkels unterkühlt. Hätten die Interviewer, zumal die Damen, nicht bisweilen patzig darauf bestanden, dass ihnen die professionell sprechenden Politprofis ihre nervig kleinlichen Fragen brav beantworten wie Grundschulkinder, die Debatte hätte jeder Schärfe entbehrt. Auf den zweiten Blick aber offenbarte dieser Nicht-Schlagabtausch Erstaunliches.

Einander gegenüber standen sich nämlich nicht etwa ein sozialdemokratischer und ein irgendwie anders, in Christentum oder Tradition oder Neoliberalismus begründeter Gesellschaftsentwurf. Beide, Steinbrück wie Merkel, wetteiferten vielmehr darum, als der bessere Sozi zu erscheinen. Jede einzelne Frage der zwar ihrer geliehenen Medienmacht unangenehm bewussten, aber ebenso hirn- wie harmlosen Stichwortgeber maß die Kandidaten daran, wie gut sie in einen als selbstverständlich angenommenen sozialdemokratischen Konsens der öffentlichen Meinung und des Wahlvolks passen. Gerechtigkeit, Wohlstand und Bildung für alle, Umweltschutz, Frieden. Stefan Raab, dessen Auf- oder vielmehr Abstieg aus der Comedy in den Politjournalismus man mit eher gemischten Gefühlen entgegengesehen hatte, brachte zweifellos Volkes Stimme auf den Punkt, als er sich als Anhänger einer Großen Koalition outete, mit Mutti Merkel als Kanzlerin und Kavallerie-Peer als Kassenwart.

Wären statt Medienleuten Journalisten im Raum gewesen, sie hätten Frau Merkel auf den Abstand zwischen ihrem Reden und ihrem Regieren festnageln müssen. Immerhin hat sie das Land wieder deutlich ungleicher und ständischer gemacht, als der Westen es vor der deutschen Einheit war. Ist ihr das aber lediglich unterlaufen, entgegen ihrer echten sozialdemokratischen Überzeugungen? Oder verfolgt sie am Ende ein wirklich konservatives Programm? Wenn ja, warum wirbt sie nicht damit um die Gunst der Wähler, statt mit den geklauten Programmen von SPD und Grünen? In den luxuriös langen neunzig Minuten eines Fußballmatches wäre sogar Zeit gewesen, in die Tiefe zu gehen: Hat Angela Merkel am Ende so etwas wie eine Idee von einem Deutschland, das sich nach den verheerenden Irrwegen des 20. ins 19.  Jahrhundert zurückzieht? Hat sie, die ostdeutsche Pfarrerstochter, gar eine veritable neokonservative Ideologie? Die richtigen Fragen hätten da gewiss mehr zutage gefördert als die Kamerafahrt auf Merkels hübschen schwarz-rot-goldenen Halsreifen.

Klage über selbst herbeigeführte Missstände

Und wie viel von diesen unter sozialdemokratischer Rhetorik verborgen reaktionären Impulsen teilt sie eigentlich mit ihrem Herausforderer? Peer Steinbrück beklagt ja doch auch Verhältnisse, etwa auf dem Arbeitsmarkt, die er in hohen Partei- und Staatsämtern selbst herbeigeführt oder zumindest nicht bekämpft hat. Die SPD ist viel für die Agenda 2010 mit ihren Arbeitsmarkreformen gescholten worden, auch von sich selbst. Dabei hat die Regierung Schröder mit einer aus heutiger Sicht aberwitzigen Deregulierung des Bankwesens den viel größeren Bock geschossen.

Merkels Halsreiff ist als Symbol viel dezenter als Schröders Wirtschaftswunderzigarren und dicke Brioni-Hosen. Beide stehen für das verdrängte und verschwiegene 19.  Jahrhundert unter all der sozialdemokratischen Rhetorik: Nationalismus, und dazu diese Ein-Mensch-will-nach-oben-Mentalität jedes deutschen Gewerkschafters, das eben keine freie und gleiche, sondern eine ständische Gesellschaft zu Voraussetzung und Ziel hat.

Zukunft lässt sich mit beidem kaum gestalten. Nichts illustriert die Grenzen des faulen sozialdemokratischen Konsenses besser, als die grundsätzliche Absage beider Kandidaten an eine deutsche militärische Option gegen ein Regime, das seine Kinder vergast. Wäre ich nicht nur als alter Anhänglichkeit Sozialdemokrat, sondern auch Zyniker, ich könnte die bevorstehende Wahl als win-win Situation analysieren: Am Ende gewinnt so oder so links reden, rechts tun. Lieber als die Wahl zwischen zwei Sorten sozialdemokratischer Rhetorik wäre mir allerdings die Wahl zwischen einer weltanschaulich grundiert konservativen und einer konsequent sozialdemokratischen Politik.

 

Joachim Helfer, Schriftsteller in Berlin, ist bekennender SPD-Wähler. Doch obwohl sich sowohl Peer Steinbrück als auch Angela Merkel sehr sozialdemokratisch gaben, konnten sie ihn nicht überzeugen.

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