Kolumne: Mein Held der Woche

Mach mir den Klopp

Ärger herunter zu schlucken, gibt Magengeschwüre. Dortmunds Trainer Jürgen Klopp hat es deshalb beim Spiel gegen Neapel völlig richtig gemacht und alles rausgelassen. Er ist damit ein Vorbild für die Politiker. Vor allem am Wochenende

 

Aufregung ist ungesund. Sehr ungesund. Man bekommt Bluthochdruck, schläft schlecht, leidet an Depressionen, vielleicht Magengeschwüren, einem Burn-out gar. Die deutschen Krankenkassen, also uns Beitragszahler, kostet die Aufregung jährlich Milliarden. Das ist auch nicht gesund. Für uns alle. Kostendämpfung ist vonnöten.

Wie das geht, hat uns gerade Jürgen Klopp vorgeführt, der Trainer-Guru von Borussia Dortmund. Und offenbar aus pädagogischen Gründen auch noch vor den Augen von 8,5 Millionen Fernsehzuschauern. Das ist löblich und lässt auf Nachahmer, also Kostendämpfung hoffen.

Klopps kleines Anti-Magengeschwür-Programm lief so ab: In der 30. Minute ärgerte sich Klopp über die Art und Weise, wie der Schiedsrichter einen der Borussen wieder aufs Spielfeld gelassen hatte, nämlich so, dass der SSC Neapel zu seinem 1:0 kam. Nun hätte der Trainer sich auf seine Bank setzen und seine Wut herunterschlucken können, wo sie sich dann zum Geschwür fermentiert hätte. Aber nicht so Klopp. Er stürmte auf den Schiedsrichter zu, näherte sich ihm fast bis auf Einrast-Entfernung und spulte sein Programm ab:

–       die Augen von innen fest an die Brillengläser pressen;

–       den Mund weit aufreißen, ein Gebiss entblößen, das eindeutig signalisiert: dieser Mann ist KEIN Vegetarier;

–       Haupt- und Barthaar sträuben wie ein … haben Sie mal „American Werewolf“ gesehen?

–       Die Gesichtsfarbe eindunkeln, dass es selbst den abgehärtetsten Kardiologen gruseln muss.

Letzteres inspirierte den Schiedsrichter, weshalb sich Klopp den Rest des Spiels beim Stadion-Hausmeister ansehen musste. Doch danach präsentierte sich ein völlig entspannter Trainer, der sich über sich selber amüsierte, sich entschuldigte und allen zeigte: Der Mann ist mit sich im Reinen. Gut so. Das spart Krankenkassenbeiträge.

Und genau dieses empfehlen wir einigen Damen und Herren, die am Sonntag Abend mutmaßlich reichlich Grund haben werden, sich zu echauffieren. Beispiele gefällig?

Angela Merkel könnte in Harnisch bringen, wenn die Hasse-mal-ne-Zweitstimme-Kampagne der FDP fruchtet und die Union dadurch unter 40 Prozent fällt. In dem Fall: Keine Raute machen, sondern den Klopp!

Rainer Brüderle könnte der Kamm schwellen, wenn seine Liberalen an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern und die Partei ihn wegen altmännersäftelnder Dirndlausfüll-Anmerkungen kielholt. In dem Fall: Keinen Wein trinken, sondern den Klopp machen!

Peer Steinbrück könnte das Temperament durchgehen, wenn nach dem mauen Wahlergebnis SPD-Chef Sigmar Gabriel dem Spitzenkandidaten parteischädigendes Verhalten durch ungebremstes Plappern vorwirft. In dem Fall: Stinkefinger einklappen und Kloppen!

Gregor Gysi könnte aus der Haut fahren, weil Sahra Wagenknecht das Angebot von Sigmar Gabriel ablehnt, eine rot-rot-grüne Koalition zu gründen. In dem Fall: Dem Sozialismus für fünf Minuten entsagen und den schwarz-gelben Klopp imitieren!

Es geht also am Sonntagabend um alles, nämlich um praktizierte Kostendämpfung im Gesundheitswesen. Und das sogar parteiübergreifend.

Ach ja: Wer diesen Text völlig überzogen oder gar gaga findet – mach mir doch den Klopp!

 

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, ist Bayern-Fan, und das schon seit Jahren. Doch beim Anschauen des Neapel-Spiels ließ er sich vom BVB begeistern – dank Jürgen Klopp.

 

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