Kolumne: It's the economy

Schluss mit der deutschen Besserwisserei

Die Berichterstattung über Griechenland ist in Deutschland schon seit Beginn der Krise vor vier Jahren sehr einseitig. Inzwischen ist sie auch noch sterbenslangweilig geworden – dabei gäbe es doch wirklich Neues zu erzählen

In den Wochen vor der Bundestagswahl beschränkt sich das Hauptaugenmerk mal wieder nur auf eine Frage: Wie viel Geld braucht Griechenland denn noch?

Schätzungsweise 4,5 Milliarden Euro bis Ende kommenden Jahres, soll Finanzminister Wolfgang Schäuble kürzlich intern vorgerechnet haben. 2015 sollen es dann noch mal gut 6 Milliarden Euro sein. Das ist natürlich eine Menge Holz. Und an dieser Stelle soll nicht der Eindruck erweckt werden, diese Summen seien zu vernachlässigen – bloß weil die Finanzkrise in den letzten Jahren ohnehin schon astronomische Summen verschlungen hat.

Das öffentliche Aufsehen darum ist trotzdem ein Witz, die Entrüstung über die angeblich nimmersatten Griechen ein Hohn für die Menschen in dem Land. Denen ist es reichlich egal, wie viel Geld fliesst. Weil sie davon ohnehin kaum etwas sehen – das Gros dürfte wie in der Vergangenheit auch schon für die Stabilisierung des Bankensektors verwendet werden. Und weil sie eng verquickt mit den griechischen Finanzinstituten sind, profitieren vor allem deutsche Geldhäuser – und somit wir alle, die wir unser Geld einer deutschen Bank anvertraut haben.

Abgesehen davon muss Berlin von den genannten Summen ohnehin nur ein gutes Viertel bereitstellen. Und es ist ja nicht so, dass die Deutschen in der Krise nur zahlen würden. Diesen Krediten – selbst wenn sie in einigen Jahren nach einem zweiten Schuldenschnitt nicht voll zurückgezahlt werden – stehen massive Krisengewinne gegenüber. Deutschland konnte sich in den vergangenen Jahren so günstig verschulden wie nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg. Das gilt für Unternehmen und private Haushalte gleichermaßen. Super langweilig, aber: Keine Party, auf der in der Küche nicht jemand vom neuen Eigenheim erzählt oder jemand einen Vergleich über die günstigsten Kreditzinsen anstellt.

Wie Schäuble durch Griechenland spart
Besonders beeindruckend sind die Krisenersparnisse für der Bundesregierung. Weil Investoren im Zuge ihrer Panikattacken in den vergangenen Jahren laufend deutsche Bundesanleihen kauften und so die Zinsen drückten, spart der Bund Schätzungen zufolge eine zweistellige Milliarden-Summe. Jedes Jahr. Noch bis mindestens 2018, wenn man als durchschnittliche Anleihe eine mit knapp siebenjähriger Laufzeit annimmt. Am Ende könnte die Ersparnis gut und gerne im dreistelligen Milliarden-Bereich liegen, schätzt Carsten-Patrick Meier von Kiel Economics. Damit liegt er nicht alleine. Der deutsche Haushalt ist ja nicht ausgeglichen, weil Schäuble so prächtig sparen würde – im Gegenteil: Strukturell hat sich hierzulande in den letzten Jahren nur wenig getan.

Im Gegensatz zu Griechenland: Laut OECD wird dort stärker reformiert als in jedem anderen der 34 Mitgliedsländer. Der Staatshaushalt weist ohne die horrende Zinslast inzwischen sogar wieder einen Überschuss auf: Für Januar bis August meldete Athen jüngst ein Plus von 2,9 Milliarden Euro – nach minus 1,4 Milliarden Euro im Vorjahr. Das liegt weit über den Zielen der Troika aus IWF, EZB und EU.

Und erstmals seit 2009 ist die Wirtschaft im Frühjahr wieder zum Vorquartal gewachsen, zeigen Kalkulationen der Researchfirma Capital Economics. Es sei kaum überraschend, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr schwächer sinkt als von der Troika angenommen, heisst es dort. Das wäre ein echtes Novum: In den vergangenen Jahren wurde die Belastung der Sparprogramme auf die Konjunktur von Bundesregierung und Troika konsequent unterschätzt – und der BIP-Einbruch immer zu niedrig angesetzt. 2014 könnte die Wirtschaft dann erstmals nach sechs Rezessionsjahren sogar nachhaltig wachsen. Das sind Nachrichten, die eine ausführliche Berichterstattung verdient hätten.

Die Reformauflagen für die konjunkturellen Hoffnungszeichen verantwortlich zu machen, könnte auf den ersten Blick nahe liegen. Erweist sich spätestens auf den zweiten jedoch als grundlegend falsch. Eher ist das Gegenteil richtig. Die Überzeugung der konservativ-liberalen Politik lautete in den letzten Jahren ja immer: Ohne eine solide Industrie (so wie sie Deutschland hat, genau!) wird Griechenland nie auf die Beine kommen. Tatsächlich geht’s dem verarbeitenden Gewerbe noch immer ziemlich dreckig.

Getragen vom Tourismus kommt die Wirtschaft so langsam wieder auf die Beine. Über 17 Millionen Besucher, die Einnahmen von bis zu 11,5 Millionen Euro bescheren sollen, erwartet Griechenland in diesem Jahr. Das ist Rekord. Und passt so gar nicht in die deutsche Griechen-Story. Es geht also auch ganz ohne deutsche Besserwisserei.

Mathias Ohanian, Wirtschaftsredakteur in der Schweiz, schreibt die OC-Kolumne „It’s the economy“ jeden zweiten Dienstag und twittert unter @mathiasohanian.

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