Gesellschaft

Schulpflicht ist kein Wunschkonzert

Religiöse Gruppen testen erneut, wie weit sie sich Ausnahmen von der Schulpflicht erstreiten können – und verlieren vor Gericht. Im Gegensatz zu früheren Entscheidungen setzt die Justiz nun die richtigen Signale. Gut so. Und weiter so.

 

Muslimischen Mädchen ist zuzumuten, gemeinsam mit Jungen am Schulschwimmunterricht teilzunehmen, hat das Bundesverwaltungsgericht gestern festgestellt. Zuviel nackte Haut muss dabei nicht sein, sie können einen „Burkini“, eine Art Ganzkörper-Badeanzug, tragen, um sich vor fremden männlichen Blicken zu schützen.

Im konkreten Fall ging es um ein 13-jähriges Mädchen, das dem Schwimmunterricht an einem Frankfurter Gymnasium fernbleiben wollte. Ihre Eltern klagten, das Gericht widersprach: Ihre religiösen Empfindungen seien durch das Tragen eines „Burkinis“ ausreichend berücksichtigt, ein Fernbleiben nicht gerechtfertigt. Die Tatsache, dass sie Jungs in Badehose und mit freiem Oberkörper zu Gesicht bekäme, müsse sie, salopp aus der Juristensprache übersetzt, aushalten.

Damit hat sich das Bundesverwaltungsgericht mit einem wegweisenden Urteil endlich selbst korrigiert: Noch vor 20 Jahren hatte es in einem anderen Rechtsstreit Verständnis für muslimische Eltern gezeigt, die ihre Töchter vom Sport- oder Schwimmunterricht befreien lassen wollten. Ein falsches integrationspolitisches Signal. Dass sich das Gericht nun korrigiert, ist überfällig.

Sportunterricht vermittelt mehr als Völkerball

Zum einen stellt das Urteil unmissverständlich klar: Die Schulpflicht ist kein Wunschkonzert, sie folgt einem klaren staatlichen Erziehungs- und Bildungsauftrag. Im Sport- und Schwimmunterricht werden ja nicht nur Volleyball-Völkerball-Brustschwimmen-Kraul-Fertigkeiten vermittelt, sondern vor allem Werte wie Gemeinschaft, Fairplay, Teamwork und Leistungsbereitschaft. Wer dauerhaft nicht teilnimmt, steht – im wahrsten Sinne des Wortes – im Abseits.

Wo sonst, wenn nicht in der Schule, werden zudem abstrakte Begriffe wie Vielfalt und Pluralität mit Leben gefüllt? Das Bundesverfassungsgericht hat vor einigen Jahren in einem anderen Fall auf den besonderen Integrationsauftrag im Grundgesetz hingewiesen. Integration bedeutet, in einer multikulturellen Einwanderungsgesellschaft für ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten zu sorgen. Die Schule ist dafür ein zentraler Ort, und sie muss auch einspringen, wenn die Eltern dabei versagen.

Mit einigem Recht kann man einwenden: Wieso dann noch das Tragen eines „Burkinis“ erlauben? Ist der Staat da nicht zu tolerant, wenn er einerseits Vielfalt und Gleichberechtigung der Geschlechter predigt, andererseits aber Bekleidungsvorschriften duldet, die Mädchen benachteiligen? Immerhin, die muslimischen Jungs dürfen ja weiterhin puppenlustig in Badehose herumspringen. Dagegen haben die Eltern in der Regel ja nichts.

Nur wenige muslimische Mädchen verweigern sich dem Schwimunterricht

In der Tat, das 13-jährige Mädchen im aktuellen Fall weiß wohl kaum, wie ihm geschieht. Ihm wäre zu wünschen, genauso frei wie seine Brüder aufzuwachsen. Unstrittig, dass die selbst theologisch nicht haltbare Ansicht, der Koran verbiete Schwimmkleidung, von den Eltern oktroyiert wird. Unstrittig auch, dass viele muslimische Familien unter dem Einfluss erzkonservativer islamischer Verbände wie Milli Görüs stehen, die bis zur Rechtshilfe alles anbieten, um ihre religionspolitischen Ziele auf den Rücken von Kindern auszutragen.

Dagegen muss sich die Gesellschaft wehren. Aber mit angemessenen Mitteln: Vergessen wir nicht, laut einer Studie der Deutschen Islamkonferenz weigern sich ohnehin nur 3,5 Prozent der muslimischen Mädchen in Deutschland, am gemeinsamen Schwimmunterricht teilzunehmen. Die übergroße Mehrheit sieht darin kein Problem.

Für die Minderheit muss man etwas tun. Es wäre aber falsch, diese große Aufgabe alleine in den Schulalltag – und damit auf die Schultern der Lehrerinnen und Lehrer – abzuladen. Das Kompromissangebot, einen „Burkini“ tragen zu dürfen, entspricht der Realität. Andernfalls würde man hinnehmen, dass so manches Kind gar nicht mehr zum Unterricht erscheint. Und es bliebe nur noch, die Polizei loszuschicken, um es mit Gewalt in die Schwimmhalle zu schleifen. Eine vernünftige Integrationspolitik sieht anders aus.

Übrigens, ein weiteres Urteil des Bundesverwaltungsgerichts am Mittwoch strahlt ein ähnliches Signal aus, in diesem Fall allerdings in Richtung bibeltreue Christen: Demnach muss sich ein Junge, dessen Eltern Anhänger der Zeugen Jehovas sind, im Unterricht den Film „Krabat“ (Romanvorlage: Otfried Preußler) gefallen lassen. Darin geht es um schwarze Magie. Auch das ein wichtiges Urteil: Wer „Krabat“ und schwarze Magie nicht mag, kann das ja äußern und diskutieren. Aber bitte im Unterricht!

 

Martin Benninghoff, Journalist in Hamburg, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt.

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