Kolumne: Mein Held der Woche

Seehofers Fort Alamo

Todesmutig ist, wer keine Chance hat und dennoch kämpft. Das gab es in der Geschichte, das gibt es im Kino – und neuerdings in der bayerischen Staatskanzlei. Der Recke: Horst Seehofer. Seine letzte Schlacht: die Pkw-Maut

 

Kennen Sie Fort Alamo? Ganz bestimmt. Es ist so etwas wie ein amerikanisches Nationalheiligtum. 1836 hielten dort rund 200 Texaner zehn Tage lang dem Ansturm von 7000 mexikanischen Soldaten stand – bis zum letzten Mann. Von Anfang an hatten sie keine Chance gegen die Übermacht, sie kämpften dennoch. John Wayne hat einmal einen hübschen Film über diese kollektive Verzweiflungstat gedreht, mit sich selber und Richard Widmark in den Hauptrollen.

Heldenmut bis in den Tod ist keine amerikanische Spezialität. Das gibt es auch in Bayern. In Person von Horst Seehofer und seiner kleinen Schar Christsozialer. Der ist gerade dabei, sich sein eigenes Alamo zu basteln. Bei ihm heißt das allerdings recht prosaisch: Pkw-Maut.

Seehofer möchte, dass Autofahrer eine Straßenbenutzungsgebühr auf Deutschlands Autobahnen zahlen müssen. Das klingt wie politisches Harakiri – das ist die Steigerung von Alamo -, denn erstens ist das Auto der Deutschen liebstes Kind und zweitens Bayern ein Flächenstaat, also ein Land mit vielen Berufspendlern. Da Seehofer kein Samurai ist, der Niederlagen mit Selbstentleibung ahndet, will er seine Bayern (und die Deutschen) von der Abgabe ausnehmen.

Es kann ja nicht sein, so tönt er, dass Ausländer gratis unsere schönen Autobahnen benutzen, die wir mit vielen deutschen Steuergeldern in Schuss halten. Rumänen, Österreicher und andere Balkanesen, so die Message, sollen gefälligst zahlen, wenn sie bei uns durchfahren.

Das klingt gut – zumindest an bayerischen Stammtischen. Dumm nur, dass die Forderung einen kleinen Schönheitsfehler hat. Zum Beispiel, dass beispielsweise ungarische und kroatische Autobahnen noch schöner, da neuer, sind als unsere schönen Pisten. Und zum Beispiel, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel gerade erst vor 17 Millionen TV-Zuschauern erklärt hat: Seehofers Pkw-Maut sei ein „Hirngespinst“.

Dann wird das Kinderzimmer abgefackelt

Das ist sie in der Tat. Denn eine Abgabe, die nur von Ausländern erhoben wird, ist mit EU-Recht nicht vereinbar. Ganz davon abgesehen fänden wir Deutsche es auch nicht so prickelnd, wenn etwa an französischen Maut-Stationen nur wir abkassiert würden, nicht aber die Franzosen.

Berlin ist gegen die Ausländerabgabe, Brüssel sowieso – jeder normale Mensch würde jetzt leise den geordneten Rückzug antreten. Nicht so der Todesmutige. Sogar nach dem Machtwort der Kanzlerin – ja, ja, sie hat mal eins gesprochen – legte Horst Seehofer noch nach. „Diese Maut für Ausländer muss kommen und wird kommen“, tönte er. Und: Er wisse nun langsam genau, „wie man in Berlin und Brüssel etwas durchsetzt“. Eine Kooperation mit der CDU, so Seehofer, ist künftig nur möglich, wenn die Maut auch umgesetzt wird.

Das Schwierige an Todesmutigen ist, dass man nie so genau weiß, ob sie heroisch oder einfach nur bockig sind. Seehofers Drohung, wenn er sein Spielzeug nicht bekomme, werde er gleich das ganze Kinderzimmer abfackeln, lässt beide Schlüsse zu. Und somit erinnert seine Aktion inzwischen auch weniger an Fort Alamo als vielmehr an den Endkampf um Berlin.

Wir haben aber schon so eine Ahnung, wie das Ganze enden wird. Falls die Union auch die nächste Regierung führen darf, wird Seehofer in den Koalitionsverhandlungen immer wieder aufstampfen und „Pkw-Maut!“ brüllen. Irgendwann wird Angela Merkel so genervt sein, dass sie ihm – siehe Brüssel – zwar nicht die Ausländerabgabe zugesteht, sondern irgendein anderes Bonbon. Eine Mehrwertsteuersenkung für niederbayerische Fortwirte, oder so. Und Horst Seehofer wird stolz zurück nach München eilen und sich feiern lassen: als Held.

 

Andreas Theyssen beobachtet Horst Seehofer seit dessen Zeit im Kabinett Kohl und hält ihn ob seiner Kapriolen inzwischen für den größten Polit-Entertainer seit Heinz Erhardt. Theyssen schreibt die OC-Kolumne “Mein Held der Woche” jeden Freitag.

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