Wahlempfehlung

Vier Gründe für die Linkspartei

Die Qual der Wahl: Wem gibt man bei der Bundestagswahl am 22. September seine Zweitstimme? Den Ratlosen kann geholfen werden. OC-Autoren geben ihre persönliche Wahlempfehlung ab. Heute: die Linkspartei

Die Vorstellung, dass die Linkspartei nach dem September mitregiert, ist zunächst keine schöne: Wer möchte schon der anachronistischen Sahra Wagenknecht den Staatshaushalt anvertrauen? Wer glaubt wirklich, dass eine gewisse Caren Lay (eine der acht Linke-Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl) sich künftig gegen erfahrene Stromkonzernbosse durchsetzen kann? Oder der cholerische Klaus Ernst (ebenfalls ein Spitzenkandidat) bei irgendjemandem? Wer möchte erneut erleben, dass Gregor Gysis lustige Bonmots sich eben nicht in praktische Politik übersetzen lassen? Und wer erwartet schon eine konsistente Regierungspolitik, wenn die Partei sich selbst nicht wirklich einig ist?

Und dennoch: Es gibt vier gute Gründe, diesmal der Linkspartei bei der Bundestagswahl die Stimme zu geben.

1.) Keine Konsequenzen: Das schöne an einer Stimme für die Linke ist, dass sie keine Folgen hat. Wegen ihrer unpraktikablen Utopien kann und wird keine andere Partei mit ihnen koalieren. Und wenn eines fernen Tages doch, wird es so ähnlich ausgehen wie in Mecklenburg oder Berlin: Da musste die Linkspartei erkennen, dass Träumereien keine Haushalte sanieren, Lehrer finanzieren oder Arbeitsplätze schaffen – und wurde realitätsnah, pragmatisch, ernsthaft, kleinteilig.

2.) Der Unterhaltungsfaktor: Die anderen Parteien formulieren ständig so staatstragend, abwägend, legislativ, langweilig. Selbst ihre Angriffe klingen meist nur wie ein formaler Widerspruch, der etwas lauter vorgetragen wird. Die Linke dagegen hat einen Gregor Gysi. Na gut, das war es schon an Unterhaltungsfaktor. Aber das ist immer noch einer mehr als bei den anderen.

3. ) Oskar Lafontaine ist weg.

4.) Sehnsucht nach Utopie: Niemand wählt doch Parteien nur deswegen, weil diese eine Unterstützung der Kinematheken versprechen (Union), die Einführung des kommunalen Wahlrechts für Immigranten nach fünf Jahren (SPD) oder ein ökologischeres Europa (Grüne). Wähler wünschen sich Visionen, wie ihr Leben besser werden kann. Eine Utopie, die ihnen nicht nur in Details Verbesserungen verspricht, sondern ihnen im Großen und Ganzen ein wohliges Gefühl verspricht. Sie wollen sich auf einen Sonntagsbraten freuen und nicht nur auf eine zugesagte, schrittweise Optimierung des Bräunungsgrades für die unteren Hautschichten. Bürger möchten träumen können, von mehr Freiheit, mehr Geld, mehr Wunschlosigkeit. Davon, dass die Welt von morgen weniger komplex ist als die heutige, dass sie irgendwie einen Sinn ergibt, nach einem Plan entworfen wurde und nicht ein Zufallsprodukt des Weltchaos ist.

Und mal ehrlich, was haben die anderen Parteien denn da zu bieten? Die Union probiert sich seit Jahren in der Gartenzwergtaktik: Stillhalten, trotz leerem Inneren immer nett lächeln, und sich bloß nicht darum kümmern, wie es den Leuten jenseits des Zauns geht. Die SPD will das im Prinzip auch, nur wählt sie deswegen keiner, also schaut ihr Gartenzwerg ein wenig bissiger. Auch die Grünen bescheiden sich längst damit, fleischfreie Tage für Kantinen vorzuschlagen. Und die Piraten? Die sind so mit Verwaltungsfragen beschäftigt, dass sie ihre einst großen Ziele aus dem Auge verloren haben.

Die Linken haben wenigstens noch einen Traum: Von einer Welt, in der alle viel mehr Geld bekommen (außer den Reichen, aber das sind ja immer die anderen); in der jeder weniger arbeiten muss; die Mieten billig sind, der Nahverkehr kostenlos, und Strom und Wasser und alles andere auch; in der Diktatoren mit sich verhandeln lassen, von Demos zu Reformen überzeugt werden; Kriege aufhören, sobald deutsche Firmen keine Waffen mehr produzieren. Eine Welt, in der es sogar noch echte Feinde gibt: die Banken, die Rüstungskonzerne, die Lobbyisten (außer sie vertreten linke Ziele), die Besitzenden (das sind alle, die mehr haben als man selbst).

Klar, das zu erreichen wird nicht ganz so einfach wie die Förderung von Kinematheken. Aber das haben Utopien nunmal an sich. Die Linke traut sich wenigstens, eine zu formulieren. Eine Stimme für sie könnte die anderen vielleicht dazu bringen, sich nicht länger nur mit ach so realitätsnahen, pragmatischen, ernsthaften, kleinteiligen Versprechen zu begnügen. Sondern ihre Wähler auch mal wieder träumen zu lassen. Zumindest ein bisschen.

Falk Heunemann beobachtet die Linke seit ihrer ungewöhnlichen Entstehung 2005 und schrieb darüber das Buch „Die Erfindung der Linkspartei“. Er war Leitartikel-Redakteur für die „Financial Times Deutschland“ und Politikredakteur bei der „Thüringer Allgemeine“.

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