USA

Die geschlossene Gesellschaft

Der deutsche Autor Ilija Trojanow darf nicht in die USA einreisen, weil er gegen die NSA-Überwachung protestiert hat. Seinem Kollegen Joachim Helfer wird es Angst und Bange um die Führungsmacht der freien Welt

Ilija Trojanow ist ein deutscher Schriftsteller bulgarischer Herkunft. Als Kind floh er mit den Eltern aus dem Kerker des real existierenden Sozialismus, der in den Balkanländern Bulgarien und Rumänien um einiges korrupter, ärmer und brutaler war als in der vergleichsweise komfortablen DDR. Naturgemäß handelte es sich beim Bulgarien des jahrzehntelang herrschenden KP-Chefs Todor Schiwkow um einen totalen Überwachungsstaat. Seine Familiengeschichte hat Trojanow später in seinem ersten Roman verarbeitet. Er trägt den wunderbaren Titel „Die Welt ist groß, und Rettung lauert überall“.

Gestern nun wurde Trojanow, als Weltenbummler und Weltensammler inzwischen einer der bekannten und erfolgreichen deutschen Autoren der mittleren Generation, auf dem Flughafen von Rio de Janeiro die Einreise in die USA verweigert. Der amerikanische Germanistenverband hatte ihn zu einer Tagung nach Denver eingeladen. Die Ablehnung am Flughafen erfolgte ohne Begründung. Da der elektronische Einreiseantrag aber bereits genehmigt war, handelt es sich offenkundig nicht um ein bürokratisches Versehen, sondern um eine bewusste Entscheidung der für die Sicherheit der USA zuständigen Behörden.

Was hat der Romanschriftsteller getan, dass er behandelt wird wie ein potentieller Staatsfeind? Er hat von seinem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht und eine Protestpetition gegen die totale Überwachung des Internetverkehrs durch die NSA als einer der ersten von dann vielen zehntausend Bürgern unterschrieben. Sein Protest richtete sich dabei an keiner Stelle und mit keiner Silbe gegen die verfassungsmäßige Ordnung Deutschlands oder der USA. Ganz im Gegenteil: Was er mit den anderen Unterzeichnern einfordert ist nichts anderes, als dass die Verfassung und die Gesetze unseres Landes nicht systematisch verletzt, sondern vielmehr gewahrt werden. Sein Protest ist nicht nur zweifelsfrei rechtens, sondern seiner politischen Natur nach rechtsstaatlich und liberal. Er verkörpert geradezu mustergültig den republikanischen und demokratischen Geist der westlichen Welt. Jenen Spirit, in dem und auf dem gerade die USA einmal begründet und aufgebaut wurden.

Die Nachricht, dass ein deutscher Schriftsteller eine Konferenz amerikanischer Germanisten nicht besuchen darf, mag nicht weltbewegend sein. Dass die USA aber anfangen, ihre Freunde für ihre Feinde zu halten, und jeden frei denkenden und sprechenden Menschen für gefährlich zu halten, ist eine Katastrophe. Die Parallelen zur paranoiden Hexenjagd in der McCarthy-Zeit in den 50er Jahren sind nur allzu offensichtlich. Schon einmal haben die USA ihre ureigenen Freiheiten in erschreckendem Umfang und mit erschreckender Leichtfertigkeit aufgegeben, um sich gegen eine wahnhaft übersteigert wahrgenommene Bedrohung zu wappnen.

Heute liegen die Dinge in zweierlei Hinsicht schlimmer als damals: Zum einen war der Stalinismus, der ja nicht nur über eine totalitäte Weltherrschaftsideologie verfügte, sondern insbesondere auch die militärischen Machtmittel der Atomsupermacht UdSSR, denn doch eine existentiellere Bedrohung für die freie Welt, als der islamistische Terrorismus es ist. Zum anderen richteten sich die damaligen staatlichen Willkürmaßnahmen gegen Menschen, die sich, meist ohne Kommunisten zu sein, doch wenigstens verdächtig gemacht hatten, politisch irgendwie links zu stehen. Schlimm genug. Heute aber trifft es, das eben zeigt der Fall, jeden. Ilija Trojanow ist des Islamismus oder Terrorismus völlig unverdächtig. So wie es die überwältigende Mehrheit der von der NSA überwachten und bespitzelten Bürger ist. Eben dagegen hat Trojanow ja protestiert. Wenn er nun dieser völlig berechtigten und erzdemokratischen Kritik wegen von den USA für einen Staatsfeind gehalten wird, dann ähneln die USA der Gegenwart weniger jenen der McCarthy-Zeit, als der Sowjetunion unter Stalin.

Joachim Helfer, Schriftsteller aus Berlin, kennt und schätzt seinen Kollegen Ilija Trojanow seit vielen Jahren als einen Freund der Freiheit.

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