Kolumne: Ach Berlin

Opium fürs Volk, spritzt Heroin!

In Berlin hat unbemerkt ein Arzt begonnen, Heroin an Junkies zu spritzen. Eine unpopuläre Maßnahme, die aber vollkommen richtig ist. Mit seinen bisherigen Maßnahmen macht sich der Staat lächerlich vor den Drogenbanden

Berlin diskutiert seit Wochen über den Sinn eines Coffeeshops in Kreuzberg, dabei wird dieser vermutlich nie kommen, weil zuvor erst Bundesrecht geändert werden müsste. Vollkommen im Stillen hat der Senat nun den ersten Arzt befugt, reines Heroin an Süchtige zu spritzen. Die Politik will das nicht an die große Glocke hängen, weil diese Maßnahme umstritten sein könnte: Der Staat verabreicht Heroin – das klingt irgendwie komisch.

Dabei ist diese Maßnahme wesentlich sinnvoller als die bisherige Drogenpolitik, bei der Junkies ihren Stoff illegal kaufen und sich unter ärztlicher Aufsicht in Drogenbussen oder Druckräumen spritzen. Der Staat unterstützt damit nämlich eine internationale Drogenmafia – und das ist keineswegs besser.

Man muss sich nur mal mit ein paar Drogenermittlern unterhalten und mit offenen Augen die Berliner U-Bahnlinien 7 und 8 benutzen, dann sieht man zumindest den letzten kleinen Rattenschwanz des Heroinhandels, eines der abscheulichsten und zugleich lukrativsten Geschäfte auf diesem Planeten.

Während der Bauer in Afghanistan rund 800 Dollar für ein Kilogramm Opium bekommt, wird das Zeug auf dem Wege zum Konsumenten immer weiter gestreckt. Die kleinen 0,3-Gramm-Kügelchen, die für einen Schuss ausreichen und zehn Euro kosten, enthalten nur noch fünf bis zehn Prozent Heroin. Ein Kilogramm Heroin ist plötzlich also einen sechsstelligen Eurobetrag wert. Ein Riesengeschäft auf dem Rücken der Junkies, den Schwächsten der Gesellschaft.

Der Handel in Berlin verläuft folgendermaßen. Es gibt rund 15 Clans, die laut Polizei allesamt aus dem Libanon aus palästinenschen Flüchtlingscamps stammen und von dort auch Verstärkung einschleusen. Die Clans haben Bunker- und Verpackerwohnungen, wo das Heroin in kleine Alufolie-Kügelchen gedreht wird. Zwei jüngere Mitglieder marschieren dann mit einer Tüte mit dutzenden Kügelchen zu einem U-Bahnhof. Einer wacht oben über die Tüte, die Ermittler „Bombe“ nennen, der andere packt sich einzelne Kügelchen in den Mund und verkauft sie unten am Bahnsteig an Junkies.

Wenn die Polizei zugreift, schlucken die Jungs den Stoff runter, und der Einsatz von Brechmitteln ist ja seit einiger Zeit verboten. Also verfolgen die Ermittler die Hierachiestufen nach oben und versuchen, die Clans auszuhebeln. In Spandau ist das zuletzt gelungen, es gab acht Festnahmen und einen großen Fund in einer Verpackerwohnung.

Nun kann man sich fragen, warum der Heroinhandel aus Afghanistan immer noch funktioniert, wo doch seit elf Jahren Nato-Soldaten dort sind. Man kann fragen, was bei der Flüchtlingspolitik schief läuft, dass die Rekrutierung von Dealern glänzend funktioniert. Man kann fragen, warum die Polizei den jungen Dealern nicht noch mehr auf den Füßen steht. Man kann aber auch fragen, warum der Staat in den Drogenbussen den Junkies auch noch hilft, sich dieses Zeug zu spritzen.

Der Staat darf sich nicht lächerlich und indirekt die Geschäfte der Drogenmafia aufrecht erhalten. Vielmehr müsste er die letzte Handelskette durchbrechen, indem mehr Ärzte reines Heroin spritzen dürfen und die Junkies nicht mehr darauf angewiesen wären, dieses Zeug illegal zu kaufen. Die Junkies, die vielfach ja bei Suchtvereinen und der Polizei bekannt sind, müssten konsequent von der Straße geholt werden. Wenn die Nachfrage einbricht, werden sich die Kriminellen ein anderes Geschäft überlegen müssen. Ob das nun unbedingt sauber ist, ist eine andere Frage. Viel schmutziger kann es kaum sein.

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs, interviewte zuletzt für das Magazin zitty Christiane Felscherinow über ihr neues Buch und begleitete junge Junkies in Berlin.

 

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