Prostitution

Auch Huren und Freier haben Grundrechte

Der Appell, Prostitution wieder rechtsfrei zu machen und insbesondere die Freier zu bestrafen, würde die Lage der Prostituierten nicht verbessern, dafür aber die Grundrechte aller Menschen infrage stellen

Die Zeitschrift „Emma“, noch immer Zentralorgan des politischen Feminismus in Deutschland, hat dieser Tage einen „Appell gegen Prostitution“ veröffentlicht. Aufgerufen wird darin dazu, „das System Prostitution“ abzuschaffen. Prostitution bezeichnet er als eine Form der Sklaverei. Einen anderen Menschen für sexuelle Handlungen zu bezahlen, setzen die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner als „Frauenkauf“ mit Menschenhandel gleich. Gefordert wird von der Gesellschaft die „Ächtung und wenn nötig auch Bestrafung der Freier“. Begründet wird diese Forderung weniger mit der tatsächlichen Lage vieler Prostituierter in Deutschland. Nicht die objektiven Missstände und Rechtsverletzungen im Milieu der Prostitution sollen beseitigt werden, sondern die Prostitution an sich. Begründet wird diese Forderung damit, dass Prostitution nie freiwillig sei, vielmehr immer die Würde des Menschen verletze, und zwar die von Prostituierten wie Freiern. Prostitution degradiere Frauen zum käuflichen Geschlecht und stehe der Gleichberechtigung der Geschlechter im Wege.

Stimmen aber diese Behauptungen? Und rechtfertigten sie, wenn sie stimmten, die geforderte Bestrafung? Richtig ist unstrittig, dass viele Prostituierte in Deutschland Opfer ausbeuterischer und verbrecherischer Strukturen sind. Dies betrifft insbesondere Ausländerinnen ohne Arbeitserlaubnis, die einen erheblichen Anteil der Prostituierten stellen. Die rechtliche Anerkennung der Prostitution als Beruf unter Rot-Grün sollte genau diese Missstände zu beseitigen helfen. Wer einen Beruf wie jeden anderen ausübt, kann sich vom Staat schützen lassen. Wer einer geächteten oder verbotenen Tätigkeit nachgeht, nicht. Dieser Gedanke ist unverändert richtig. Dass heute mehr Frauen als vor zehn Jahren Opfer von Zwangsprostitution und Ausbeutung werden, ist keine Folge der Verbesserung ihrer Rechtsstellung, sondern Folge der Armutswanderung aus Osteuropa. Wer eine Frau durch Gewalt oder Nötigung zur Prostitution zwingt und ihr dann die Einnahmen abnimmt, kann dies umso leichter, wenn die Tätigkeit seines Opfers als rechts- oder sittenwidrig gilt. Wer Prostituierte besser vor Gewalt und Ausbeutung schützen will, muss die Prostitution von Staats wegen beaufsichtigen und den Ermittlungs- und Strafverfolgungsdruck gegen Zuhälter und Menschenhändler erhöhen.

Der „Emma“ geht es aber gar nicht um den besseren Schutz von Prostituierten, sondern um ein viel hehreres Ziel: Sie will Prostitution an sich abschaffen, und zwar mit Mitteln staatlicher Gewalt. Einen Menschen für Sex zu bezahlen, soll verboten werden. Nun liegt auf der Hand, dass geschäftsfähige erwachsene Menschen einander alle möglichen Dienstleistungen verkaufen dürfen, auch solche am Körper: Haareschneiden zum Beispiel. Um Prostitution strafbar zu machen, gleich ob für die Prostituierte, den Freier oder beide, muss sie an sich schädlich sein, und zwar so sehr, dass ihre Verhinderung rechtfertigt, Grundrechte einzuschränken. Denn um nichts weniger als um das Grundrecht auf Selbstbestimmung geht es: Wer, wie einst die „Emma“ mit dem Slogan „Mein Bauch gehört mir!“ sogar das Lebensrecht Dritter beschränkt, wird kaum bestreiten können, dass die Geschlechtsorgane jedes Menschen erst recht ihm oder ihr selber gehören. Deshalb bestreitet die Emma ja, dass es freiwillige Prostitution gebe. Nur ist das offensichtlich nicht wahr. Wer ist die „Emma“, wer wäre der Staat, um den Aussagen mündiger Bürger – „Ich mache das freiwillig!“ oder „Ich empfinde das nicht als Verletzung meiner Würde!“ – keinen Glauben zu schenken?

Der Staat hat kein Recht, Socken in Sandalen zu verbieten

Wenn die Freiwilligkeit aber nicht widerlegt werden kann, müsste, um das Geschäft dennoch für illegal zu halten, nachgewiesen werden, dass es ein höheres Gut als die Selbstbestimmung der Beteiligten verletzt. Dieses höhere Gut ist für die „Emma“ die Menschenwürde. Die Würde des Menschen ist unantastbar – nämlich durch den Staat und die Mitmenschen. Ein Staat, der sich anmaßte, mir zu verbieten, mich zu prostituieren, um meine Würde vor mir selber zu schützen, verletzte meine Würde, indem er ohne Not meine Freiheit einschränkte. Ebenso gut könnte er mir morgen verbieten, Alkohol zu trinken, als Mann Socken in Sandalen zu tragen oder als Frau Auto zu fahren, sonntags zu arbeiten, Ballerspiele zu spielen oder gar einen Porno zu gucken. Genau so einen Staat will die „Emma“.

Tatsächlich spricht viel dafür, dass Prostitution der Gesellschaft als notwendiges Übel mehr nützt als schadet, indem sie die Zahl der Vergewaltigungen, aber auch anderer Gewalttaten bis hin zur Selbsttötung senkt. Jedenfalls war das die seit Augustinus vorherrschende Meinung der Kirche und der Gesetzgeber. Selbst wenn diese Abwägung heute anders ausfallen würde, sich also die Meinung durchsetzte, dass Prostitution der Gesellschaft mehr schadet als nützt, ließe sich damit jedoch noch kein Verbot begründen. Rauchen zum Beispiel schadet der Gesellschaft zweifellos mehr als es nutzt, und ist dennoch aus gutem Grund erlaubt. Zum einen fällt die Abwägung zwischen gesellschaftlichem Nutzen und Grundrechten des Einzelnen hier für den Einzelnen aus. Zum andern wäre ein Verbot auch gar nicht geeignet, Prostitution faktisch zu verhindern. Ein Verbot wäre als Mittel nicht nur unverhältnismäßig, sondern sogar untauglich.

Der Appell der „Emma“ dient nicht Frauenrechten, sondern schadet ihnen. Eben deshalb fehlen die Unterschriften des Deutschen Frauenrats, der SPD-Frauen, der Grünen oder von Terre des Femmes. Die „Emma“ wünscht sich, selbst um den Preis der Aufgabe von Menschenrechten, eine Gesellschaft ohne Prostitution – nur gibt es darauf so wenig ein Recht wie auf den guten Geschmack oder das besonnene politische Urteil der Mitmenschen. Wie reaktionär der Geist dieses Appells ist, zeigt, dass ihn insbesondere die Frauen der CDU/CSU unterschrieben haben. Weniger Emanzipation war nie.

Joachim Helfer, Schriftsteller in Berlin, hat als Schüler sich und anderen manchmal vorgemacht, dass er des Taschengelds wegen mit Männern ins Bett geht. Was seine Menschenwürde verletzt hat, war nicht der Zusammenhang zwischen Sex und Geld, sondern die moralische Engstirnigkeit seiner Umwelt.

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