Kolumne: Mein Held der Woche

Lasst den Bischof in Ruhe

Franz-Peter Tebartz-van Elst, dessen Hausbau in Limburg ein wenig teuer ausfiel, wird völlig zu unrecht verteufelt. Denn der Gottesmann ist in Wahrheit ein großer Kirchenreformer

Die katholische Kirche ist schon ein ziemlich verkrusteter Haufen. Antiquiert, lebensfremd, unfähig zur Selbstkritik. Man könnte verzweifeln an ihr, gäbe es nicht immer wieder Reformer, die sie wiederbeleben.

Johannes XXIII. war so einer. Ihm und seinem II. Vatikanischen Konzil haben wir Katholiken es zu verdanken, dass wir der Liturgie auch ohne Großes Latinum intellektuell folgen können und uns der Priester beim Gottesdienst nicht mehr gottesfürchtig und menschenfeindlich den Rücken zuwendet.

Auch in der Jetztzeit sind Reformer zugange, aber sie kommen nicht so wirklich zum Zuge, werden vom Vatikan kujoniert oder von uns Medienschaffenden verlacht. Zu Letzteren zählt Franz-Peter Tebartz-van Elst. Nie gehört? Macht nichts, wir mussten uns seinen Namen auch auf die Copy-Paste-Taste legen, da wir ihn uns partout nicht merken können. Aber mit Hilfe kleiner Eselbrücken klingelt es sofort bei jedem. Monsignore 31 Millionen? Der Mann mit der 15.000-Euro-Wanne? Der Lügner mit der Mitra? Richtig, es geht um den Bischof von Limburg.

Wie Limburg dem Vatikan nacheifert

Wir alle zerreißen uns das Maul über ihn – und liegen völlig falsch. Denn Tebartz-van Elst ist ein Reformer. Ein Mann, der alte katholische Zöpfe abschneidet. Einer, der sich durch ein bisschen Gegenwind nicht beirren lässt. Ein Held des Alltags.

Alle Welt echauffiert sich darüber, dass der Herr Bischof sich eine Residenz hat errichten lassen, deren Bau mal eben 31 Millionen Euro kostete. Warum eigentlich dieser Aufruhr? Ist doch gut so. Schließlich führt der Mann damit die Kirche zurück zu ihren Wurzeln, quasi zurück zum Urchristentum. Zurück in die Zeiten, als der Allmächtige vom Klerus noch ordentlich verherrlicht wurde, mit dem opulenten Petersdom zum Beispiel oder überhaupt mit dem prachtstrotzenden Vatikan-Komplex. Und jetzt wird Gott eben auch in Limburg an der Lahn verherrlicht. Was soll daran verkehrt sein?

Die Reformfeinde mokieren sich darüber, dass Tebartz-van Elst eine Badewanne im Wert von 15.000 Euro in seiner neuen Residenz installieren ließ. Ja, geht’s denn noch? Die katholische Kirche kennt nur die Fußwaschung, praktiziert im Gründonnerstagsgottesdient, zuletzt von Papst Benedikt XVI. himself. Und was ist mit Hals, Achseln und sonstigen, zu strengem Geruch neigenden Körperregionen? Limburgs Bischof hat als erster katholischer Würdeträger erkannt, dass auch sie gewässert werden müssen, und nicht nur die Füße. Allein das ist revolutionär und dürfte uns Kirchensteuerzahlern ja wohl locker 15.000 Euro wert sein. Schließlich dürfen wir hoffen, künftig an der Kirchentür nicht mehr vom müffelnden Pastor verabschiedet zu werden, Go…, äh, Tebartz-van Elst sei Dank.

Die 10 Gebote neu geschrieben

Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat nun einen Strafbefehl gegen Tebartz-van Elst beantragt, wegen Abgabe zweier falscher Eidesstattlicher Versicherungen. Das muss uns Katholiken nicht grämen, denn Reformer werden in ihrer Zeit immer verfolgt. Denken wir nur an Galileo Galilei und daran, wie viele Jahrhunderte die katholische Kirche brauchte, um ihn zu rehabilitieren. Nein, der Bischoff hat nicht falsch Zeugnis abgelegt; er hat die 10 Gebote reformiert. Sicherlich, sie sind ein universeller Kanon für menschliches Zusammenleben, grandios in ihrer Kürze. Aber es gibt sie schon seit 3000 Jahren, und sie sind noch nie reformiert worden.

Tebartz-van Elst hat das nun getan, indem er das achte Gebot („Du sollst kein falsches Zeugnis von dir geben wider deinem Nächsten) um das subjektive Element ergänzt hat, nämlich um seine ganz persönliche Sicht der Dinge. Das ist völlig in Ordnung. Jedes deutsche Strafgericht sucht bei der Strafbemessung nach mildernden Umständen für den Beklagten. Nur die 10 Gebote nicht, die sind katholisch-streng und gnadenlos. Da gab es wahrhaft Handlungsbedarf.

Wir ahnen schon, wie es ausgehen wird mit diesem Helden der Reformation. Unter dem hinterhältigen Vorhalt der Prasserei, der Eitelkeit und des Lügens wird ihn der Vatikan früher oder später (nun gut: eher später) vom Bischofssitz holen. Und damit wieder einmal die Chance verspielen, die Mutter Kirche von Grund auf zu reformieren. Amen.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, ist selber Katholik. Und immer wieder fassungslos zu sehen, zu welchen Auswüchsen der eigene Laden in der Lage ist.

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