Kolumne: Auf einen Klick

Sag ja kein Wort über Healthcare.gov

In den USA wird das wichtigste IT-Projekt des Jahres zum Debakel. Ein politisches, soziales, vor allem aber auch ein technisches. Doch über eigene Fehler und Versprechungen wollen die IT-Jünger nicht reden. Schuld sind mal wieder andere

Barack Obama, die Älteren werden sich erinnern, war mal so etwas wie ein Hoffnungsträger. Dieser agile, lächelnde, charismatische US-Politiker galt mal eine Weile als Politiker neuen Typs, der über Parteiinteressen steht, der moralisch und pragmatisch zugleich ist, den alle lieben und der alle Probleme löst. Wenn man ihn nur lässt. Der Obama unter den Nerds ist Harper Reed. Nicht nur, weil der nicht ganz so agile Amerikaner einen ach-so-rebellischen Hipster-Bart mit einer schwarzen Riesenhornbrille und Kapuzenshirts kombiniert. Und zwar immer. Sondern, weil er vor einem guten Jahr die IT-Abteilung des Obama-Wahlkampfteams leitete, 100 Millionen Dollar ausgeben durfte, dafür eine riesige Datenbank aller Wähler nebst Vorlieben programmierte und den ganzen Wahlkampf vernetzte.

Das ist der Traum des Internets: Big Data, das Internet, Social Media und die Nerds bestimmen den Lauf der Welt. Denn sie sind die Lösung für alle Probleme dieser Welt. Wenn man sie nur lässt. Dass diese Ansicht vielleicht etwas naiv ist, sollte nicht erst seit der Praxiserfahrung namens Piratenpartei klar geworden sein. Aber spätestens seit dem Debakel um die US-Gesundheitsreform sollte das Netz über die eigene Haltung deutlich intensiver diskutieren. Und das Ego etwas schrumpfen.

Die Gesundheitsreform, Obamas wichtigstes Projekt seiner Präsidentschaft, droht zu scheitern, weil die Homepage Healthcare.gov nicht funktioniert. Weil die Datenbank, die Millionen Bürgern eine preiswerte Gesundheitsversicherung verschaffen soll, ständig Einträge verwechselt oder vergisst, stundenlang lädt oder immer wieder komplett abstürzt.

Sicher, die politische Verantwortung dafür trägt Obama und seine Regierung. Die inhaltliche jedoch die Programmierer. Verantwortlich für die Seite sind unter anderem zwei Firmen, eine Garagengründung namens Development Seed und der kanadische Konzern CGI Federal. Weder an Geld noch an Zeit hat es ihnen wirklich gemangelt. Und dennoch entdeckten Kritiker nach dem Seitenstart am 1. Oktober nutzlose Programmcodes, unnötige und überlange Javascripteinträge, zu viele belastende CSS-Dateien. Oder auch Programmiercode, der keinem Zweck diente, aber die Seite verlangsamt oder crasht. Von Tippfehlern ganz zu schweigen.

Das alles kann passieren. Aber man kann erwarten, dass man diese Fehler einräumt. Und nicht verschweigt oder sich herausredet. Doch genau solch ein Scheuklappen-Verhalten, das Netzianer gern Medien und Politikern vorwerfen, zeigen die Nerds nun selbst. Schuld sind ihrer Meinung nach nicht ihre übertriebenen Versprechungen oder Erwartungen. Schuld sind die unverständlichen Ausschreibungsbedingungen von Regierungsaufträgen. Schuld ist der Staat, weil der den Auftrag an Privatunternehmen vergab. Schuld sind die Nutzer, weil zu viele auf die Seite zugreifen wollten. Immer die anderen eben.

Dabei wäre eine Debatte über das Healthcare.gov-Debakel nötig. Gibt es vielleicht Systeme, die zu kompliziert sind, um beherrschbar zu sein? Können komplexe Anmeldevorgänge tatsächlich immer technisch gelöst werden, oder braucht es nicht auch ganz menschliche Beamte und Bürokraten, die nachhaken und interpretieren? Oder auch: Werden auch Nerds betriebsblind, wenn es um Fehler der eigenen Seite geht?
IT-Guru Harper Reed könnte dazu sicher viel sagen. Er reist gerade um die Welt und hält Vortrag auf Vortrag (gestern war er beim TIC Forum in Chile). Und er gibt Interviews auf Interviews. Auch der deutschen „Zeit“. Über Healthcare verliert er dabei kein Wort. Lieber redet er über das merkwürdige deutsche Datenschutzrecht: „Die machen alles so langweilig.“

Falk Heunemann, Autor in Hamburg, schreibt seine OC-Kolumne “Auf einen Klick” jeden Donnerstag.

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