Kolumne: MyGration

Seid laut! Seid polemisch!

Während Wirtschaftswissenschaftler scheinbar mühelos in mediale Debatten eingreifen können, ist von Integrationsforschern nur selten etwas zu hören außerhalb ihrer Fachzirkel. Dabei wäre es gut, wenn mehr fundierte Expertisen Eingang in Politik und Öffentlichkeit finden würden

Stell Dir vor, Du bist Migrationswissenschaftler und keiner hört hin! Tja, das ist so ungefähr der Kernsatz der meisten Biografien in der Einwanderungsforschung in Deutschland: Kein anderes Diskussionsfeld liegt in der öffentlichen Wahrnehmung derart brach wie Einwanderung, Migration und Flüchtlingspolitik. Und hier ist nicht die Rede von Forscherzirkeln, Expertenliteratur und Fachtagungen. Nein, gemeint ist das breite öffentliche Feld der Fernsehtalkshows, Publikumsmedien und Alltagsdebatten. Gesprochen wird da viel über solche Themen, nur: Wo sind die Experten?

Dabei gibt es ihn, den Typus Migrationsforscher. Und unter ihnen sind viele renommierte Wissenschaftler zu finden, wie Werner Schiffauer oder Klaus J. Bade. Es existiert auch ein Rat für Migration (RfM), der verdienstvollerweise versucht, über seinen „Mediendienst Integration“ wissenschaftliche Erkenntnisse, dementsprechend aufbereitet, in die Medien zu bringen. Ein gutes Projekt, das mit seinen nur zwei Mitarbeiterinnen dennoch personell etwas überfordert sein dürfte. Zu den wichtigen Debatten über Einwanderung jedenfalls hört man noch immer zu wenig Expertentum.

Wo sind denn die Profis, die anhand von wissenschaftlicher Forschung einmal erklären, ob und wenn ja, wie viele Flüchtlinge die Europäische Union eigentlich ohne größere Probleme aufnehmen kann? Oder dass die vorhandene Drittstaatenregelung, wonach ein Asylsuchender in dem Land, das er zuerst betritt, den Asylantrag stellen muss, unseren südlichen EU-Nachbarn Italien gänzlich überfordert. Und welche besseren Regelungen es geben könnte, wenn die Politik an dieser und jener Schraube drehen würde. Und wie das Dilemma aufgelöst werden kann, dass im öffentlichen Diskurs jegliche Hilfe (etwa die Forderung nach Aufnahme von Flüchtlingen) gleich als Fluchtanreiz interpretiert wird.

Dass das Thema um die Toten im Mittelmeer nicht wirklich zum Talkshowthema taugt, hat auch mit dem Mangel an pointierenden Fachleuten zu tun. Und es bleibt ein sprachloses Entsetzen über das, was vor Lampedusa passiert ist, bei manchen nur ein desinteressiertes Schulterzucken.

Denn genau darum geht es ja: Um Expertise, die letztlich – sei es hundertprozentig oder in Teilen – in Politik mündet.

In anderen Politikfeldern war das nie ein Problem: Jahrelang haben Wirtschaftswissenschaftler, die sich zudem als angeblich ideologiefrei selbst stilisiert haben, den Ton angegeben. Sie gründeten finanziell gut ausgestattete Thinktanks, und ihre Vertreter sitzen regelmäßig in irgendwelchen Talkshows, um die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu bearbeiten. Wie gesagt, vermeintlich ideologiefrei oder alternativlos wurden dem Volke ökonomische Weisheiten verkündet, wie eine gesunde Volkswirtschaft zu funktionieren habe. Heute wissen wir, dass vieles davon Kokolores beziehungsweise nichts anderes als Klientelpolitik war.

Aber lernen kann man von ihren Methoden: Die erfolgreichen Wirtschaftswissenschaftler – zumindest diejenigen, die öffentlich politisch wirken wollen -, spitzen zu, keilen, gehen in die Offensive, greifen an, argumentieren auf solider Basis. Es ist ein Spagat zwischen Polemik und Sachlichkeit, der etlichen ganz gut gelingt, wie den Herren Straubhaar, Bofinger, Sinn, Horn, um nur einige zu nennen. Seriosität muss darunter keineswegs leiden.

Dass es den Integrationsforschern offenbar am Willen oder auch am Können mangelt, ähnlich auf sich und die eigenen Thesen aufmerksam zu machen, hat dem Pseudo-Analytiker Thilo Sarrazin 2010 überhaupt erst das Feld für die ihm zuteil gewordene Aufmerksamkeit beschert. Zwar gab es Versuche, ihm öffentlich zu widersprechen, wie etwa durch die Veröffentlichung „Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand“ eines Berliner Forscherteams. Auf den großen Podien der Fernsehrepublik saßen jedoch – bis auf wenige Ausnahmen – vornehmlich Politiker und oder sogar ausgewiesene Nicht-Experten wie Schauspieler oder Schriftsteller, die Sarrazins nüchtern vorgetragenen, in die Maskerade zahlenanalytischer Objektivität gepressten Polemiken wenig oder gar nichts entgegenzusetzen hatten.

Dieses Muster setzt sich leider fort, wenn auch weniger dramatisch. Anfang Oktober haben sich mehr als 60 Wissenschaftler und viele weitere Erstunterzeichner in einem Offenen Brief an die Bundesregierung für eine tiefgreifende institutionelle Reform der deutschen Integrationspolitik ausgesprochen. Im Kern geht es darum, endlich ein einziges Querschnittsministerium zu schaffen, in dem die vielen konkurrierenden Kompetenzen in Sachen Integration, die bislang in zig Behörden aufgeteilt sind, zusammenzubringen. Ein völlig richtiger Vorschlag, den die Integrationsforschung mit guten Argumenten seit Jahren vertritt.

Ob daraus etwas folgen wird? Wahrscheinlich nicht, die nach der Bundestagswahl kraftvolle Union hat schon abgewinkt. Und die mediale Aufmerksamkeit ist – gelinde gesagt – überschaubar. Druck auf die Unionsparteien oder die künftige Koalition entsteht so natürlich nicht.

Und das hat viel zu tun mit der Art und Weise, wie sich Migrationsforscher hierzulande Gehör, pardon: kein Gehör verschaffen. „Wir leben in einer Einwanderungsgesellschaft mit schon mehreren Generationen von Einwanderern. Strukturen und Lebensformen verändern sich, beschleunigt durch den Druck des demografischen Wandels.“ So beginnt der Offene Brief – ein ziemlich gutes Beispiel für die langweilige Sprache, die in der Integrationsforschung herrscht. Spannend eben wie eine Fachtagung oder ein Sammelband soziologischer Texte.

Wer politisch etwas bewirken möchte, muss jedoch den wissenschaftlichen Elfenbeinturm verlassen und den Mut zur Polemik entwickeln. Polemik ist nichts Schlechtes, wenn die Argumente dahinter nachvollziehbar und die Ergebnisse seriöser wissenschaftlicher Forschung sind. Das sollte im ureigenen Interesse der Integrationsforscher liegen: Damit die jahrzehntelange Arbeit vieler Forscher und Praktiker in der Einwanderungspolitik nicht wieder von heute auf morgen von einem Sarrazin (oder wer auch immer ihm folgen wird) einfach so eingerissen wird. Fast ohne Gegenwehr derer, die es eigentlich viel besser wissen als ein Ex-Bundesbanker ohne tiefere Einblicke in Einwanderungspolitik.

Martin Benninghoff, Journalist in Hamburg, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Seine OC-Kolumne MyGration erscheint jeden Mittwoch.

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