Kolumne: Auf einen Klick

Shutdown für deutsche Touristen

Das Schlimmste am Budgetstreit in den USA ist anscheinend, dass deutsche Touristen nicht auf die Freiheitsstatue dürfen – zumindest laut deutschen Medien. Journalisten glauben, mit solchen Personalisierungen Nachrichten interessanter zu machen. Tatsächlich machen sie solche relevanten Ereignisse nur belangloser

Die Deutschen sind immer am schlimmsten betroffen. Bei Tsunamis, Busunglücken, Erdbeben – nie darf in deutschen Medien der Hinweis fehlen, dass auch Deutsche irgendwie in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Dass wir offenbar das vom Pech am schlimmsten verfolgte Volk sind, zeigt sich spätestens daran, dass es sogar eine Nachricht wert ist, dass unter dem Opfern keine Deutschen sind. „Diesmal zumindest“, schwingt da im Stillen mit.

Nun also auch beim Shutdown der Regierung in Washington, der Budget-Blockade im Streit um die Gesundheitsreform. Das „HeuteJournal“ zeigt empörte deutsche Jugendliche, denen der Zugang zur Freiheitsstatue verwehrt wird. „SpiegelOnline“ macht mit einer „wütenden“ Simone auf, die das Lincoln-Denkmal in Washington D.C. nicht selbst betrachten darf. „Stern.de“ nennt als wichtigste Folge der Regierungs-Blockade, dass Nationalparks und Museen geschlossen werden.

Schon schlimm, so ein Shutdown. Vor allem für die Deutschen.

Nun im Ernst: Dass Medien ihre Meldungen über den Shutdown zunächst anhand von betroffenen deutschen Touristen erzählen, entspricht nur scheinbar journalistischer Logik. Der Logik, dass man bei den Lesern am ehesten Betroffenheit weckt, wenn man das Ereignis möglichst nah an sie heranführt. Und zunächst stimmt diese Regel ja auch: Was interessiert schon das Schicksal eines unbezahlten US-Beamten mit zwei Kindern, eines verhungernden Somalis oder eines ertrinkenden Pakistaners. Erst wenn auch Deutsche – die ja meist als Touristen unterwegs sind – betroffen sind, zeigen viele Interesse. Die Deutschen haben Milliarden gespendet, als ihre Touristenregionen Thailand und Sri Lanka im Tsunami versanken. Als Pakistan in Regenfluten unterging, blieben die Geldbörsen geschlossen. Islamabad hat ja auch keinen Sandstrand.

Wir verlieren mehr als Fotomotive

Dennoch, für den Shutdown greift diese Logik zu kurz. Denn tatsächlich verlieren Deutsche nicht nur Fotomotive. Sie könnten wegen der Blockade ihren Arbeitsplatz verlieren, ihr Erspartes schrumpfen sehen, keine Kredite mehr bekommen, Milliarden an Steuergeldern und Euro-Garantien einbüßen. Denn der Shutdown ist nicht nur ein touristisches Problem. Er ist auch nicht nur ein politisches, mehr als ein Machtkampf zwischen den US-Republikanern und den US-Demokraten um Präsident Barack Obama. Er ist  ein ökonomisches: Er kostet rund 200 Millionen Dollar täglich. Er kann den schwachen Wirtschaftsaufschwung der USA abwürgen, das Vertrauen von Anlegern mittelfristig erschüttern, den Konsum in Amerika und weltweit drosseln, die Aufträge für die deutsche Exportwirtschaft einbrechen lassen, die Chancen für die Eurokrisenländer – und damit die Eurorettung – nehmen.

In welchem Ausmaß dies alles eintritt, weiß noch niemand. Es sind aber reelle Gefahren, die auch die daheim gebliebenen Deutschen interessieren dürften. Das sind Millionen neue Leser. Dafür müssten ihnen diese Gefahren allerdings so verständlich wie deutlich aufgezählt werden. Doch leider sind sie in deutschen Medien – zumal den Online-Publikationen – kaum zu lesen. Das liegt nur zum Teil am fehlenden wirtschaftlichen Sachverstand (als Ex-Redakteur der „Financial Times Deutschland“ vermisse ich den natürlich). Es liegt mehr noch daran, dass Online-Redakteure und ihre Chefs sich häufig zu schnell mit der erstbesten Assoziation, wie eine Nachricht vermittelt werden kann, zufrieden geben. Katastrophen und Konflikte sind langweilig, solange keine Deutschen oder keine Prominenten betroffen sind. Haushaltsstreits, Arbeitslosenzahlen, Wirtschaftsindikatoren sind nur interessant, um mit ihnen erneut über die Umfragewerte für Kanzler, Präsidenten oder Minister zu spekulieren. Der gelungene Volksentscheid in Hamburg zum Aufkauf der Energienetze (für 2 Mrd. Euro) interessierte viele Medien nur als angebliche Niederlage für den SPD-Bürgermeister Olaf Scholz. Die Zeile „Arbeitslosigkeit in USA nur knapp gesunken – was bedeutet das für Obamas Wiederwahlchancen?“ erschien im Wahljahr 2012 bei „Spiegel Online“ gefühlt täglich. Was all dies für die deutsche Wirtschaft, den deutschen Konsumenten und den deutschen Steuerzahler bedeutet, las man leider nicht.

Das aber ist kein Politikjournalismus oder Wirtschaftsjournalismus, sondern dessen Abwesenheit. Es kommt hier nur auf Betroffenengeschichten an, von Deutschen und von Prominenten – jenen also, denen wir uns näher fühlen. Ab und zu ist das ja nicht einmal schlecht. Aber es langweilt doch schnell. Zumal: Damit erschließen diese Nachrichtenschreiber nur scheinbar neue Leser. Sie verprellen viele andere. Jene, die dann aufschrecken, wenn sie endlich mal erfahren, dass ein Shutdown sich nicht nur auf den Besuch der Freiheitsstatue oder die Fotomotive des reisenden Nachbarn auswirkt. Sondern auf den eigenen Geldbeutel.

Falk Heunemann, Autor in Hamburg, schreibt seine OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 10 Bewertungen (4,20 von 5)