Berlusconi

Tschüss, Silvio!

Meine deutschen Freunde sind mit Helmut Kohl aufgewachsen. Ich mit Silvio Berlusconi. Nun muss ich Abschied nehmen. Von Silvio und von der Häme, die ich seinetwegen erleiden musste

Ich bin in Italien geboren und aufgewachsen. 1994 kam dort Silvio Berlusconi an die Macht. Da war ich zwölf. Seit vergangenem Freitag sieht es so aus, als würde Berlusconi endlich aus der Politik verschwinden. Ich bin mittlerweile 31. Seit ein paar Jahren lebe ich in Deutschland. Manchmal sprechen meine Freunden hier davon, dass sie in ihrer Jugend nichts anderes kannten, als die Regierung Kohl. Ich kenne nicht viel anderes als Silvio.

Egal mit wem ich hier in Deutschland in den vergangenen Jahren über was auch immer politisch diskutierte, am Ende gab es immer ein unfaires Totschlagargument gegen mich: „Was willst du mir da erzählen, ihr mit eurem Berlusconi!“

Berlusconi! Ich habe immer versucht, das zu erklären: warum Berlusconi in Italien regiert. Seine Medienmacht, das Wahlsystem, die zerstrittene Linke. Ich habe immer nur versucht, es zu erklären, aber es hat sich stets angehört wie eine Rechtfertigung. Dabei habe ich nie Berlusconi gewählt. Ich, Inter-Mailand-Fan, konnte den schon nicht leiden bevor er, Patron des Stadtrivalen AC Mailand, in die Politik ging.

Ich musste mir wegen Berlusconi viel anhören in den vergangenen Jahren. Ein Auszug: „Wie könnt ihr nur immer wieder den Berlusconi wählen? (betroffener Unterton) – „Früher sind wir ja immer gerne nach Italien gefahren, aber jetzt, mit diesem Berlusconi …“ (drohender Unterton) – „Ist euch das nicht peinlich mit diesem Clown?“ (höhnischer Unterton).

Uff, Berlusconi! Trotzdem habe ich immer versucht, bei dieser geballten Empörung das Schreckliche vom halb so Schlimmen zu trennen. Das ist bei Berlusconi ja so ähnlich wie bei den Affären von Christian Wulff oder Karl-Theodor zu Guttenberg, wo auch plötzlich jeder Schmarrn die Gemüter noch mehr erhitzte, und das wirklich Fatale drohte darin unterzugehen.

Halb so schlimm, teilweise amüsant, fand ich einige seiner Sprüche: „Nur Napoleon hat mehr getan als ich. Aber ich bin definitiv größer.“ – „Ich bin der Jesus Christus der Politik.“ – „Keiner meiner Minister ist so gut bestückt wie ich.“ Halb so schlimm waren auch: seine Faceliftings und Haartransplantationen und wenn er beim Gruppenfoto mit Staatschefs blöde Faxen machte. Wenn sich mir gegenüber jemand darüber aufregte, sagte ich immer: „Mach dich mal locker!“

Schlimm fand ich diese Sprüche: „Mussolini hat nie jemanden getötet. Mussolini schickte Menschen in Lager in den Urlaub.“ – „Besser schönen Mädchen nachschauen als schwul zu sein.“ – „Italien ist ein Scheißland, das mich anekelt.“ Das Fatale der Ära Berlusconi allerdings war, dass man sich plötzlich inmitten von gespenstischen Science-Fiction-Visionen wiederfand. Ein Spuk, der nicht vorbeizugehen, sondern über die Jahre hinweg zur akzeptierten Normalität zu werden schien.

Berlusconi hatte nie ein politisches Programm. Er wollte das Land nie voranbringen. Er wollte politische Macht, damit ihm bei seinen privatwirtschaftlichen Machenschaften niemand reinreden konnte. Berlusconi war ein Blender und ein blendender Verkäufer, wie ihn der italienische Journalist und spätere Senator Giuseppe Fiori in der Biografie „Il Venditore“ treffend betitelte. Ein Verkäufer seiner selbst. „In meiner Freizeit gebe ich den Regierungschef“, sagte Berlusconi über sich selbst in einem abgehörten Telefonat.

Nun scheint der Spuk doch vorbei. Das zeigen auch Symbolik und Sprache einer ereignisreichen vergangenen Woche in Italien. „Wir alle empfinden Wut, Empörung, das Gefühl von Machtlosigkeit“, sagte Angelino Alfano, einst politischer Ziehsohn Berlusconis, nun Innenminister und neuer Mitte-Rechts-Leader. Berlusconi wäre wohl nur ein unpassender Spruch über die Lippen gekommen. So wie 2002 als er auf die Frage, warum die Polizei Tretboote benutzen muss, um Flüchtlinge zu bergen, antwortete: „Manchmal funktionieren Tretboote gut. Keine der Leichen hat sich beschwert.“

Tempi passati. Nie wieder Silvio. Nie wieder Häme. Hoffentlich.

Lenz Koppelstätter, geboren und aufgewachsen in Südtirol, saß bereits als Jugendlicher in der italienischen Abgeordnetenkammer. Allerdings nur als Schülerparlamentarier für einen Tag. Heute lebt er als Autor in Berlin.

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