Kolumne: Auf einen Klick

Warum es niemals ein deutsches HBO geben wird

Die Öffentlich-Rechtlichen halten ihr Programm tatsächlich für ähnlich anspruchsvoll wie das des US-Senders HBO – immerhin kosten sie beide ähnlich viel. Ein Realitäts-Check

Vor einiger Zeit traf ich einen halbwegs Programmverantwortlichen des ZDF. Wir unterhielten uns über die Fernsehlage im allgemeinen und unsere aktuellen Lieblingsserien im Besonderen, als er einen bemerkenswerten Satz von sich gab: „Das ZDF ist ja quasi das deutsche HBO“. Ich war in dem Moment leider zu perplex, um darauf angemessen und doch höflich zu reagieren.

Auch anderen scheint der Gedanke, ARD oder ZDF seien wie HBO, zu irritieren. Die Ministerpräsidenten der Bundesländer haben gerade den Jugendsender-Plan von ARD und ZDF gekippt – das Konzept war ihnen zu banal. Und diese Woche hat Bundestagspräsident Norbert Lammert ARD und ZDF aufgefordert, endlich mal wieder mehr für den Bildungsauftrag zu leisten und weniger für Quizfans – sonst sei die Finanzierung nicht mehr gerechtfertigt. Nicht, dass solch eine Rüge etwas ändern wird, ähnliches äußerte er bereits vor vier Jahren.
Aber die HBO-Äußerung zeigt vielleicht am besten, wo das Problem von ARD und ZDF liegt: Man hält sich für Premium, weil man Premiumbudgets ausgeben kann. Nicht, weil man Premiumideen hat.

Nur zur Erinnerung: HBO, das ist jener amerikanische Pay-TV-Sender, der vor zehn Jahren „The Wire“ ins Programm hob, die bis dato schlicht beste Fernsehserie. Ihr Thema: Der Niedergang der amerikanischen Gesellschaft am Beispiel der Stadt Baltimore. Die Serie  wurde über fünf Staffeln produziert, trotz zunächst mäßiger Einschaltquoten. Oder sechs Staffeln „Oz“, eine Serie über ein Hochsicherheitsgefängnis. Nicht zu vergessen die „Sopranos“. Und derzeit: „Boardwalk Empire“, eine Serie über die Gesellschaft in der Prohibitionsära. Oder die brutale, witzige, epische Fantasy-Serie „Game of Thrones“.

HBO ist der Sender, für den Steven Spielberg dokumentarische Historienserien produziert („Band of Brothers“). Der einen wunderbaren Vierteiler über den zweiten, uncharismatischen Präsidenten der USA dreht, mit Paul Giamatti (John Adams) in der Hauptrolle. Oder einen Film mit Claire Danes, die die Welt aus der Sicht von Autisten vermittelt. Für den Michael Douglas und Matt Damon das Leben des schwulen Pianisten Liberace portraitieren. Und der komplexe Doku-Spielfilme über aktuelle politische Probleme dreht (Recount, Too Big to Fail) mit William Hurt, Kevin Spacey und James Woods.

Die HBO-Abonnenten zahlen dafür übrigens zwischen 10 und 15 Dollar im Monat. Freiwillig. Das Erste hat Familie Dr. Kleist, Sturm der Liebe, Rote Rosen, das fantastische Quiz des Menschen, die große Wissenshow, das Musikantenstadl. Kein Wunder, dass ARD-Zuschauer den wöchentlichen Tatort inzwischen für große TV-Kunst halten. Und das ZDF? Kann immerhin die „Heuteshow“ und den Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ vorweisen. Der schale Rest des Programms ist damit allerdings nicht vergessen.
Und Gudio Knopp nicht vergeben. Dafür zahlen die deutschen Haushalte an ARD und ZDF knapp 18 Euro. Zwangsweise.

Das sei ja gar nicht so viel, argumentierte daraufhin diese Woche die ARD, und präsentierte eine hübsche Infografik. Nur 72 Cent pro monatlicher Rundfunkgebühr kostet demnach der Sport. Oder Degeto-Schmalzfilme kosten nur 63 Cent.

Nur ganz klein in der Fußnote der Grafik steht allerdings: 1 Cent entspricht pro Jahr 4,15 Mio. Das ergibt für Degeto-Produktionen (Klinik unter Palmen, Die Landärztin) also 261 Mio. Euro im Jahr. Das allein wären umgerechnet rund 30 Folgen „The Wire“ – pro Jahr, also fast drei Staffeln. Oder jährlich anderthalb Staffeln von Steven Spielbergs HBO-Zehnteiler „The Pacific“ – der teuersten Serie aller Zeiten. Am Geld für gute Produktionen mangelt es also nicht. Für Filme und Serien, die nicht nur Geschichten erzählen, sondern Geschichte machen, die neue Standards setzen für neue Erzählformen, überraschende Genremixe, anspruchsvolle Charaktere und komplexe Drehbücher. Und sich weltweit verkaufen, weil auch Menschen unter 50 sie sehen wollen.

Immerhin: ARD und ZDF haben festgestellt. dass junge Menschen sie nicht mehr einschalten. Ihre Lösung: ein Jugendsender für 45 Mio. Euro im Jahr. Das reicht ihnen gerade für das Personal und ein paar Wiederholungen. Übrigens: Auch mit der BBC (Luther, Sherlock, Spaced, Doctor Who, Life on Mars, House of Cards) können die Deutschen nicht mithalten. (siehe dazu den Inhaltevergleich BBC vs DasErste/ZDF.

Und seit der zu Recht gelobten Politserie Borgen haben selbst die Dänen ein besseres Fernsehen als die Deutschen. HBO ist ja nicht  der weltbeste Fersehsender geworden, nur weil er Geld hatte. Der Sender wusste, er musste sich von den anderen Sendern unterscheiden, um gesehen zu werden. Er musste seine Zuschauer mit Ungewöhnlichem anlocken und sie mit Komplexem zwingen, dranzubleiben, über Stunden, Wochen, Jahre. Er muss ständig Neues riskieren. Und den Kreativen Zeit geben, selbst wenn die Quote  lange nicht stimmte (siehe The Wire, Oz oder auch die Sopranos). Das aber ist nicht auf das Rezept von ARD und ZDF. Das lautet: Wenn ein Konzept mal funktioniert, kopieren wir es – und wenn wir dann eben jedenTag drei Quizshows, zwei Talkshows und eine neue Rosamunde-Pilcher-Verfilmung haben. Bringt ja Quote, zumindest unter den 60- und 70-Jährigen, die Gewohntes wollen.

Kann man hoffen, dass ARD und ZDF noch dazulernt? Wohl kaum. Es gibt ja schließlich noch die Privaten, die die Öffentlich-Rechtlichen kreativ unterbieten, statt sie herauszufordern. RTL und Vox sind zu CSI-Episoden-Abspielstationen verkommen. RTL2 und Sat1 vertrauen nur noch auf billiges Laien-Theater. Und ProSieben hat sein tägliches Programmschema längst in „How I met Your Big Bang Theory“ umbenannt, so schlicht ist es konzipiert: Den ganzen Tag die selben drei, vier US-Sitcoms, von Anfang bis Ende und wieder von vorn. Weil das deutschen Zuschauern offenbar auch reicht. In der Konkurrenz um den deutschen Fernsehkonsumenten reicht es offenbar hiesigen Programmen, das kleinere Übel anzubieten.

Falk Heunemann, Autor in Hamburg, schreibt seine OC-Kolumne “Auf einen Klick” jeden Donnerstag.

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