Kolumne: Auf einen Klick

Mehr Markus Lanz wagen!

Nachdem der Wahlkampf vorbei ist, müssen nicht nur die Parteien ihre  Fehler aufarbeiten. Auch die Fernsehsender müssen endlich ihre  überalterten Polit-Talkshow-Konzepte schreddern – und von Markus Lanz lernen

Quizfrage: Um welche Talkshow handelt es sich? Sie ist nach ihrem Moderator benannt. Sie hat ein Thema, das provozieren soll und mit einem Fragezeichen endet. Es kommt mindestens ein Politiker von der Regierungspartei als Gast. Es kommt gern ein Politiker von der Opposition. Dazu wurde ein alternder, aber prominenter Journalist geladen, für knallige Behauptungen. Weiterhin ein Schauspieler/Comedian/Musiker/Elder Statesman für den Promi-Faktor. Und ein Bürgerrechtler/Theologe/Aktivist/Betroffener, fürs gute Gewissen.
Die schmerzliche Antwort: leider alle.

– Bei Günther Jauch (Thema: „Wie läuft das Spiel um die Macht?“) waren es am Sonntag Peter Altmaier (CDU), Hannelore Kraft (SPD), Michael Jürgs (Ex-„Stern“) und Theo Waigel, der Alt-Finanzminister. Dazu ein Theologe.

– Zu „Hart aber fair mit Frank Plasberg“ („Tragödie am Strand – etwas Besseres als den Tod bieten wir nicht?“) wurden geladen: Elmar Brok für die CDU, Roger Köppel („Weltwoche“) für die Provokationen, Khadra Sufi (Ex-Flüchtling) und Elias Bierdel (Cap Anamour) fürs Gefühlige und
Wolfgang Niedeken, weil er BAP-Sänger ist.

– Bei Maybrit Illner („Wer hat Angst vor der Großen Koalition?“) saßen vergangene Woche Wolfgang Bosbach (CDU), Kurt Beck (SPD) und Kerstin Andreae (Grüne) ,Dominik Wichmann („Stern“) und einer vom Bund der Steuerzahler, quasi als Zuständiger fürs finanzielle Gewissen.

– Und Anne Will fragte diesen Mittwoch „USA vorübergehend geschlossen – Ist das noch eine Supermacht?“ Ihre Gäste:Oskar Lafontaine (Linker Provokateur), Jeff Kornblum (Ex-Botschafter), ein Ökonom – und die Comedienne Gayle Tufts.

Der Moderator ruft in den ersten zehn Minuten jeden zu einem Statement auf, dann gibt es eine zweite Floskelrunde , danach wird durcheinander geredet („Lassen sie mich zunächst einmal sagen…“, „Ich habe Sie doch auch ausreden lassen“). Es folgen ein paar Einspieler, um die Dynamik zu unterbrechen, schließlich die Abschlussrunde und die Verabschiedung. So ungefähr geht das seit Jahren. Der Erkenntnisgewinn ist übersichtlich.

Politiker-Demontage in zehn Minuten

Dabei kann Fernsehen durchaus auch anders. Und besser. Da war zum Beispiel die Wahlarena, in der Kanzlerin Angela Merkel (als einziger Gast) plötzlich von einem Leiharbeiter mit dessen Arbeitsbedingungen überrascht wurde. Oder die österreichische Wahlarena von Puls4, bei der Unternehmer-Kandidat Frank Stronach plötzlich den Zuschauern nicht erklären konnte, wie er sich das vorstellt, dass der Euro zwar nicht abgeschafft wird, es aber für jedes Land einen eigenen geben soll, mit eigenem Wechselkurs. Wie man dann zum Beispiel die Geldscheine unterscheidet, oder wie man an das Geld kommt, wenn man mal nach Bozen zum Einkaufen fährt. Er wusste es nicht. Das wurde da klar. Auch weil die Moderatoren ihm einfach nicht erlauben wollten, über andere Themen zu reden, bevor er das erklärt hatte. Um die Schlussfolgerung zu verstärken: Bei deutschen Talkshows wäre wegen der anderen Gäste gar keine Zeit gewesen,  vier, fünf Mal nachzuhaken, wie er das nun eigentlich meinte.

Oder da war jüngst CNN-Journalist Wolf Blitzer, der mit scheinbar einfachen Fragen zum Shutdown und zur Gesundheitsreform die TeaParty-Aktivistin Michelle Bachmann demontierte – in nur zehn Minuten.

Und da ist immer wieder Markus Lanz. Ja, auch der Wetten-dass-Flopper hat eine Talkshow mit seinem Namen als Titel und einer großen Gäste-Runde, mit Promis, Politikern, Journalisten, Betroffenen und dem Quoten-Comedian. Aber er geht anders mit ihnen um. Er arbeitet nicht seine Gäste stur protokollarisch ab und er erteilt auch kein Rederecht nach Zeit-Quote. Sondern es sind jeweils Einzelgespräche, kaum unterbrochen und am Stück.

Beispielhaft dafür war seine Talkshow zum NSA-Skandal am 2. Juli. Fast eine halbe Stunde seiner Sendezeit befragte er den Internetaktivisten Daniel Domscheit-Berg, was dieser Skandal denn für den Normalmenschen konkret bedeutet. Er lässt jeden Fachbegriff erläutern, er zwingt seinen Gast, selbst komplexe Konzepte und Begriffe so zu erklären, dass sie alle verstehen. Ohne dass es niveaulos wird. Auch zum Thema Guttenberg hatte er bessere Shows als alle anderen.

Das Modell Lanz

Lanz kann man vieles vorwerfen. Sehr vieles. Seine gestelzte Begrüßung. Sein Anschleimen. Sein „hochinteressant“. Aber er hat wenigstens verstanden, wie Talkshow geht. Ihn interessiert es nicht, wenn einer seiner Gäste mal weniger zu Wort kommt als der andere. Ihn interessiert, wie er sie von ihren 1:30-Floskeln wegbringt. Und das geht am ehesten, wenn man konzentriert und lange bei ihnen bleibt, nachfragt, nachhakt. Auch mal entgegnet: „Das verstehe ich nicht“. Sich nicht scheut, zu unterbrechen für ein „Das müssen sie jetzt mal genauer erklären“. Und dabei die anderen Gäste erst einmal ignoriert. Und weil er es bei einfachen Fragen belässt, die eine einfache und klare Antwort einfordern.

Nach dem ähnlichen Prinzip funktionieren die Wahlarenen. Plötzlich müssen sich Politiker ganze 60 Minuten oder länger den Fragen von Moderator oder Zuschauern stellen. Sie sind die einzigen Gäste, nach ihrer ersten Antwort kommt also nicht gleich der Nächste dran. So können sie plötzlich durch Gegen- und Nachfragen der Moderatoren aus ihrem Konzept gebracht werden. Oder sie können sich besser erklären. Mehr Talkshow-Teilnehmer bringen eben nicht mehr Abwechslung, sondern nur mehr Unterbrechungen.

Die deutschen Talkshows sollten endlich daraus lernen: Politiker müssen wieder von Fernsehjournalisten gezwungen werden, sich länger als nur in drei, vier Sätzen pro Frage zu äußern. Sie müssen wieder mit Nachfragen konfrontiert werden, zur Not auch dieselbe mehrfach hintereinander. Und sie müssen dazu gezwungen werden, ihre Polit-Abstraktionen und Allgemeinplätze wieder konkret zu illustrieren.

Es ist ja nicht so, dass Jauch, Illgner, Maischberger oder Will nicht dazu zu qualifiziert wären. Sie dürfen es aber nicht, weil ihre Sendungen zu durchformatiert sind. Weil sich ihre Sendeanstalten und Intendanten keine Experimente trauen. Und vielleicht auch, weil nur ein Gast pro Sendung mehr Recherche und mehr Vorbereitung bedeutet. Kleiner, aber schöner Nebeneffekt einer Talkshow-Diät: Wenn künftig deutlich weniger Gäste in die Talkrunden kommen, können endlich mal die üblichen Verdächtigen ausgeladen bleiben. Ja, ich meine Sie, Hans-Ulrich Jörges, Alice Schwarzer und Peter Scholl-Latour.

Falk Heunemann, Autor in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag – aber grundsätzlich erst nach der Ansicht von ein, zwei Talkshows.

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