Kolumne: MyGration

Der Rushdie-Effekt

Umbenennung von St. Martin, Absetzung einer Oper, Karikaturenstreit: Warum kommt es immer wieder zu solchen unsinnigen Debatten? Vielleicht auch, weil interkulturelle Trainings übersensibilisieren statt Gelassenheit im kulturellen Miteinander einzuüben?

Der St.-Martins-Zug und die Debatte um seine Umbenennung wegen angeblicher muslimischer Vorbehalte gegen das christliche Laternenfest war schon vergangene Woche das Thema dieser Kolumne. Nach längerem Nachdenken hat sich aber ein merkwürdiges Gefühl eingeschlichen, weil sich die dadaistische Diskussion in den deutschen Medien eben nicht als singuläres Ereignis darstellt, das man eigentlich schnell abhaken könnte.

Nein, da ist System hinter.

Annähernd zeitgleich zum St. Martin-Streit soll ein Berliner Volkshochschulleiter angeblich Aktbilder „aus Rücksicht auf Muslime“ von den Flurwänden abgenommen haben. Nach einem erwartungsgemäß hitzigen Schlagabtausch mit erbosten Bürgern sind sie wieder angebracht worden.

Was haben die beiden Fälle gemeinsam?

Nie hat ein Muslim gefordert, den St. Martin-Umzug umzubenennen, und nie hat ein Muslim gefordert, irgendwelche Bilder abzuhängen. Wie aber kommt es dann zu solchen Debatten? Das muss schon gründlicher analysiert werden.

Es bleibt ja was hängen. Es bleibt hängen, dass Muslime per se irgendwelche Probleme mit christlichen Ritualen oder erotischen Darstellungen haben. Offenbar schließen solche Fehlurteile direkt an das „kollektive Wissen“ an, dass Muslime Probleme mit der Kultur-, Religions- und Meinungsfreiheit haben. Und das ist schon in dieser Pauschalität bemerkenswert falsch, zumal Muslime aus der Türkei beispielsweise ja schon mehr als 50 Jahre in Deutschland leben. Und erst jetzt poppen solche Diskussionen auf, also stellt sich die Frage, woher eigentlich dieses „kollektive Wissen“ kommt.

Der Grundstein wurde wahrscheinlich Ende der 80er-Jahre gelegt, als die iranischen Mullahs ihre Fatwa zum indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie auflegten, weil er angeblich den Propheten verunglimpft haben soll.

Dieser Ur-Sündenfall der iranischen Hardliner wiederholt sich im Kleinen, und zwar regelmäßig, wie bei den beschriebenen Debatten. Dann spielt auch keine Rolle mehr, ob es wirklich eine Art „Fatwa“ gegeben hat, also ob Muslime tatsächlich verlangt haben, den Laternenumzug umzubenennen oder irgendwelche Bilder von den Wänden zu reißen. Die Interpretationsmaschine jedenfalls läuft, und sie interpretiert jede wohlwollende Äußerung eines Politikers, Verwaltungsbeamten oder Publizisten direkt und ohne Umschweife als „Kotau vor den Muslimen“. Vorauseilender Gehorsam vor Muslimen, die angeblich dies verlangten und angeblich das forderten.

Nur, das ist nicht alles nur mit Rushdie zu erklären. Die Rushdie-Fatwa wird regelmäßig durch mittelgroße Ereignisse zurück in das kollektive Bewusstsein gehievt. Also immer wieder aktualisiert und in die Gegenwart übertragen.

Ein Fall zum Beispiel war die Absetzung der Idomeneo-Oper 2006 in Berlin. Das Stück war abgesetzt worden aus Furcht vor vermeintlich wütenden Muslimen. Auch hier das gleiche Muster: Es hatte sich kein Muslim über die Oper beschwert. Der vorauseilende Gehorsam überkorrekter Intendanten und Politiker wurde aber den Muslimen letztlich zur Last gelegt. Was blieb, war ein Gefühl, dass Muslime ein Problem mit der Kunstfreiheit haben.

Und dann natürlich der Karikaturenstreit 2005. Fast vergessen ist: Die Karikaturen waren schon vorher im arabischen Raum gedruckt worden, das aber hatte wiederum keinen interessiert. Erst als ein radikaler Imam sich der Sache annahm – gemeinsam mit Rechtspopulisten in Europa – wurde ein Kulturkampf herbeizitiert, der tatsächlich Leben forderte. Ein besonders perfides Beispiel für die unheilige Allianz radikaler Kräfte aus den islamistischen und „islamkritischen“ Kreisen, die im Grunde aus dem gleichen Geist geboren sind.

Was können wir tun, um so etwas künftig zu vermeiden? Denn nochmal: 50 Jahre lang hat es in Deutschland keinerlei Probleme gegeben, weder beim St. Martins-Zug noch in Volkshochschulen noch in Opern. Natürlich, es ist nötiger denn je, die Rechtspopulisten zu bekämpfen, die sich gerade wieder aufschwingen, bei den kommenden Europawahlen gemeinsame Sache zu machen. Und es ist genauso nötig, Salafisten und andere Islamisten mit politischer Agenda zu bekämpfen.

Aber es ist auch Zeit für ein Appell an jene, die es eigentlich gut meinen: die Integrations- und Interkulturalitätshelfer. Selbst wenn man etwas gut meint, sollten sie lieber drei Mal darüber nachdenken, ob sie das sicher gut Gemeinte auch gleich in die Tat umsetzen müssen.

Manchmal ist das Gegenteil von Gut eben gut gemeint. Wenn also ein Schulleiter der Meinung ist, aus religiöser Rücksichtnahme lieber ein Bild abhängen zu lassen, dann sollte er zuvor – ohne viel Aufhebens – eine Umfrage bei sich in der Schule starten, unter Schülern, Eltern und Lehrern. Oder besser noch warten, bis sich wirklich jemand beschwert über die Bilder im Flur.

Ein interessanter Gedanke stammt in diesem Zusammenhang von der Medienforscherin Sabine Schiffer. Sie vermutet interkulturelle Schulungen als Teil des Problems. „Manche dieser Trainings befördern eher das ‚Fremdmachen‘ und Unsicherheiten im Umgang mit Menschen aus vermeintlich anderen Kulturen“.

Eine steile These, zugegeben. Andererseits könnte da etwas dran sein: Hierzulande sind gut gemeinte Mechanismen am Werk, die Fremdheit generieren statt sie einzuebnen. Gerade vielen eifrigen und emsigen Integrationshelfern aus dem sozialpädagogischen Bereich ist das nicht zum Vorwurf zu machen – sie wollen das Beste. Aber vielleicht sollten sich alle einmal selbst überprüfen, ob sie, wenn sie das Gute meinen, eben auch nur Gutes schaffen. Gelassenheit und Abwarten sind die besseren Verhaltensregeln, wenn es um Interkulturalität geht. Zumal es viele Migranten und Muslime durchaus gewöhnt sind, dass eine Gesellschaft Traditionen und Rituale lebt, die auch der eigenen Standortbestimmung dienen. Gehöre ich dazu? Dann gehen meine Kinder natürlich beim St. Martin-Zug mit. Nur wenige wollen sich wissentlich und willentlich separieren.

Vielleicht ist es manchmal einfach besser, die Kirche im Dorf und die Tassen im Schrank zu lassen – und erst aktiv zu werden, wenn sich eine Gruppe aktiv meldet und über eine Sache beschwert. Das wäre eine wahrhaft friedenserhaltende Maßnahme. Professionelle interkulturelle Fachkräfte wissen das durchaus. Problematisch sind eher die gutmeinenden Laien.

Martin Benninghoff, Journalist in Hamburg, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Seine OC-Kolumne MyGration erscheint jeden Mittwoch.

 

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