Aktien

Deutschland an die Börse!

 Der Aktienmarkt boomt – und keiner geht hin: Der Deutsche Aktienindex hat erstmals die 9000er-Marke geknackt, doch in Deutschland profitiert davon nur eine Minderheit. Das liegt auch daran, dass die Politik die Aktien steuerlich schlecht behandelt. Das sollte sie ändern

Der Deutsche Aktienindex (DAX) eilt von Rekord zu Rekord. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Marke von 10.000 Punkten geknackt wird. Gut für deutsche Anleger, könnte man da denken. Doch das Problem ist: Obwohl die Sparquote hier zu Lande höher ist als in den meisten anderen europäischen Ländern, ist der rasante Anstieg der Aktienkurse an den meisten Deutschen spurlos vorübergegangen – und es ist zu befürchten, dass das so bleibt. Denn während viele ausländische Investoren ihr Geld gerne in deutsche „Blue Chips“ stecken, vertrauen hiesige Anleger ihr Erspartes lieber den Banken an, zu Zinssätzen, die oft sogar unterhalb der Inflationsrate liegen. Sie nehmen also sinkende Realzinsen in Kauf, was bedeutet, dass ihr Geldvermögen weniger wert wird statt mehr.

Fragt man, worauf die Abstinenz der Deutschen in Sachen Aktienanlage beruht, kommt fast reflexartig die Antwort: Das Platzen der Dotcom-Blase Anfang des Jahrtausend hat den Anlegern in Deutschland die Lust auf Aktien verdorben. Da ist sicherlich was Wahres dran. Die kühnen Aussagen von Wertpapieranalysten zur besten New-Economy-Phase – „Diesmal ist alles anders“ – haben sich für viele Aktionäre als die teuersten ihres Lebens erwiesen. So manch Geschädigter wird deshalb den Rest seines Lebens die Finger von Aktien lassen. Ob zurecht, ist allerdings eine andere Frage.

Eine andere Frage ist auch, ob es nicht tiefer liegende Gründe gibt, warum die Deutschen sich mit Aktien so schwertun, obwohl diese Anlageform langfristig bessere Gewinnchancen bietet als die meisten anderen. Sieht man sich die Rahmenbedingungen an, die durch die Politik gesetzt werden, erkennt man schnell, dass diese für das Aktiensparen Gift sind. Offensichtlich halten deutsche Politiker die Aktie für Teufelszeug. Sie werden zwar nicht müde, die Bürger aufzufordern, fürs Alter privat vorzusorgen. Doch dann beschließt die Regierung, auf Dividenden und Aktienkursgewinne unabhängig von der Haltefrist 25 Prozent Abgeltungssteuer zu erheben, plus Solidaritätszuschlag, plus Kirchensteuer. Und: Während Nachbarländer wie Frankreich, Großbritannien und Spanien großzügige Sparer-Freibeträge gewähren, fallen diese in Deutschland mit 801 Euro im Jahr überaus bescheiden aus. Außerdem werden Dividenden bei uns doppelt besteuert, zuerst bei Unternehmen, dann beim Aktionär.

Politik und Anleger sollten sich klar machen, dass die extreme Niedrigzinsphase im Euroraum noch lange anhalten wird. Das hat der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, deutlich angekündigt. Inzwischen hat die EZB den Leitzins von 0,5 sogar auf 0,25 Prozent gesenkt. Das heißt: Die Zinssätze für Bankeinlagen sinken vom derzeit ohnehin schon mickrigen Niveau weiter Richtung Null. Man kann den deutschen Politikern daher nur raten, etwas zur Förderung der Aktienkultur im Lande zu tun, wenn sie künftiger Altersarmut vorbeugen wollen.

Ludwig Heinz, arbeitete jahrelang im Research-Bereich diverser Banken und als Ressortleiter bei „Börse Online“. Heute schreibt er vorwiegend über volks- und finanzwirtschaftliche Themen, aber auch zu Fragen rund um das Thema Geldanlage und Altersvorsorge. Das Geld für seine drei Söhne legt er fast ausschließlich in Aktien an.

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