NS-Vergangenheit

Die braunen Wurzeln des Mittelstands

Die Verbrechen der Nazis sind gut erforscht, aber nicht gut genug. Noch immer gibt es massenhaft Unternehmen, die ihre Vergangenheit beschönigen – vor allem im Mittelstand

Deutschland gilt gemeinhin als Vorbild, was die Aufarbeitung seiner Vergangenheit angeht. Und es stimmt ja auch: Die Deutschen, die einst in gnadenloser Akribie die Vernichtung ganzer Völker planten und betrieben, haben in über 60 Jahren Selbstgespräch die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust in immer neuen Anläufen durchdrungen. Die ideologischen Grabenkämpfe, die dabei stets ausgefochten wurden und auszufechten waren, sind heute, 75 Jahre nach den Novemberpogromen, weitgehend verblasst. Sie spielten zuletzt noch eine Rolle bei den Auseinandersetzungen um die Wehrmachtsausstellung Mitte der Neunziger-Jahre. Seitdem herrscht akademisch beim geschichtspolitischen Selbstbild weitgehend Konsens: Opa war ein Nazi, viele halfen beim Holocaust und die Deutschen verdienten ihren Untergang.

Doch damit ist die Aufarbeitung noch lange nicht abgeschlossen. Zwar sterben in diesen Monaten und Jahren die letzten noch lebenden Zeitzeugen, aber das darf kein Grund sein, das nationalsozialistische Unrecht nicht weiter zu untersuchen und zu thematisieren. Denn sein langer Schatten reicht bis heute. In kaum einem anderen Feld zeigt sich das so deutlich wie bei der der Kollaboration noch heute existierender Unternehmen mit den Nazis und der „Arisierung“ jüdischen Vermögens.

Mit großem Aufriss veröffentlichte etwa die ZEIT vor Kurzem ein Interview mit August Oetker, Sohn des strammen Nazis Rudolf-August Oetker, der den Konzern gleichen Namens aufgebaut hatte. Anlass war die Publikation einer Firmengeschichte, die fast 70 Jahre nach Kriegsende erstmals im Detail die braunen Wurzeln des Unternehmens beleuchtet. Oetker folgt damit anderen Großindustriellen wie Flick, Quandt oder Mohn. Auch sie ließen erst in den vergangenen Jahren und erst auf zunehmenden Druck hin ihre Geschichte aufarbeiten. Viel zu spät, aber immerhin. Doch noch immer gibt es massenhaft Unternehmen, die von nationalsozialistischem Unrecht profitiert haben und dies bis heute ausblenden.

Wie wenig Geschichtsbewusstsein viele Unternehmen vor allem auch im Mittelstand an den Tag legen, zeigt sich anhand der Selbstdarstellung bekannter Marken, die einst von jüdischen Unternehmern erfunden und während des Nationalsozialismus „arisiert“ wurden. Oft werben die heutigen Eigentümer mit Tradition, veröffentlichen Marken- und Firmenchroniken im Internet, doch von Unrecht ist keine Rede. Oder wussten Sie, dass Tempo Taschentücher, Camelia Binden, Fromms Kondome oder Trix Modelleisenbahnen von jüdischen Unternehmern erfunden und später „arisiert“ wurden? Falls nicht, kein Wunder, denn in den Selbstdarstellungen findet sich zu diesem Teil der Geschichte: Nichts.

Einen besonders krassen Fall hat das ARD Politmagazin Panorama vergangene Woche aufgegriffen: Die bekannte Damenunterwäschemarke Felina aus Mannheim, in den 1920er-Jahren immerhin der zweitgrößte Betrieb seiner Art in Deutschland mit über tausend Mitarbeitern, wurde 1936 von einem Mann übernommen, dessen Geschäftsmodell es war, verfolgten Juden ihre Unternehmen zum Spottpreis abzunehmen. Gleich fünf Betriebe riss dieser Richard Greiling sich so unter den Nagel. Später beschäftigte der Nazi-Profiteur Zwangsarbeiter und ließ seine Waren im Ghetto Lodz fertigen. Auf der Firmenhomepage aber wurde er bis vor wenigen Tagen als integrer Vorzeigeunternehmer gefeiert. Erst nachdem Panorama berichtet hatte, fügte man einen verschämten Halbsatz über den „zunehmenden Verfolgungsdruck“ ein, der auf der Gründerfamilie lastete. Ein Skandal, der leider kein Einzelfall ist, und der zeigt, wie wichtig weitere Forschungen in diesem Bereich sind.

Zum Glück gibt es eine ganze Reihe junger Historiker, die sich aktuell in Regionalstudien mit der massenhaften „Arisierung“ jüdischen Besitzes befassen. Und so wie die ebenfalls noch junge Täterforschung nachwies, dass es ganz, normale Männer waren, die Frauen und Kinder an den Gruben erschossen, verortet auch die „Arisierungs“-Forschung die nationalsozialistischen Verbrechen dort, von wo sie ausgingen: der Mitte der Gesellschaft.

Dass die Enteignung integraler Teil des Vernichtungsprozesses war, dass also Auschwitz ohne skrupellose Opportunisten wie Greiling nicht denkbar gewesen wäre, hat schon Raul Hilberg in seiner monumentalen Studie zur Vernichtung der europäischen Juden von 1961 festgestellt. Die Details liefern nun die Nachwuchshistoriker.

Umso verantwortungsloser ist die Ignoranz, mit der viele Unternehmen die Geschichte ihrer Marken bis heute beschönigen. Sie dürfen, 75 Jahre nach der Reichspogromnacht, das Lebenswerk der Gründer nicht länger unterschlagen. Oder mit den Worten von Tom Herbst, Urenkel des verfolgten Felina-Gründers Eugen Herbst: „It is easy to make this right and it should be made right!“

Christian Salewski beschäftigt sich seit Studienzeiten mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und ihrer Aufarbeitung. Zuletzt gemeinsam mit zwei Kollegen für das ARD Politmagazin Panorama (http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2013/arisierung101.html)

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