Glosse

Mobile Beschäftigungstherapie

Väterchen Frost ist da und all überall aus den sozialen Netzwerken schallen die Wehklagen von bahngeplagten Reisenden. Ihnen kann geholfen werden

Pünktlich zum ersten Frost gibt es sie wieder, die Bahnweihnachtsgeschichten auf Facebook und Twitter, in denen steckengeblieben (Weiche will nicht weichen), gefroren (Heizung ausgefallen) oder geschwitzt (Heizung zu heiß oder Zug zu voll) wird. Doch hilft uns das Bibbern und Wehklagen irgendwie weiter? Nein. Deswegen hier ein paar Tipps und nützliche Utensilien, die das Herz eines Reisenden wärmen.

Üben für die Christmesse
Wann hat man denn heute noch die Chance, die in der Schule erlernten Weihnachtslieder vor großem Publikum zum Besten zu geben? Der Kalauer für Pendler ist natürlich „Alle Jahre wieder“. Wenn der Schneesturm draußen nicht aufhört, empfiehlt sich „Leise rieselt der Schnee“. Wenn aus fünf Minuten Warten fünf Stunden werden, kann man es optimistisch immer noch mit „Lasst uns froh und munter sein“ versuchen. In den geschlossenen Abteilen ist die Akustik natürlich am besten. Aber dafür gibt es im Großraum eine größere Stimmenvielfalt und man bekommt mit Glück einen kompletten Chor zusammen.

Kampf um die Schokolade
Bereits in der Standardwinterausrüstung eines jeden Reisenden vorhanden sind Handschuhe, Mütze und Schal. Noch zu organisieren im Bordbistro, in der 1. Klasse und im Kinderabteil sind dann Messer und Gabel, eine Zeitung, Paketband (zur Not ein Haargummi) und ein Würfel. Es mag ein Kindergeburtstagsklassiker sein, aber es wird kaum enthusiastischere Spieler geben als seit Ewigkeiten ausharrende hungrige Bahnkunden mit entsprechender Toleranzschwelle. Das Spiel geht ganz einfach: Schokolade mit Zeitungspapier und Band einwickeln. Wer eine Sechs würfelt, darf anfangen, auszupacken – aber nur mit Mütze, Schal und Handschuhen. Bis dann der Nächste eine Sechs hat und man die Schokolade hungrig wieder abgeben muss.

Such mich doch!
Hier spielt der Schaffner die Hauptrolle. Wenn alles gut und pünktlich läuft, sind die Kollegen omnipräsent, um zum Beispiel zum vierten Mal die Fahrkarte abzustempeln. Kommt dagegen eine Störung und man braucht wichtige Infos zur Anschlussverbindung, sind die Kontrolleure verschwunden – sprich, sie wollen spielen. Gönnen Sie den Schaffnern den Spaß und suchen Sie mit!

Die Reise nach Jerusalem
Besonders nett im ICE von Hamburg nach München, kurz vor Heiligabend. Statt Musik kann man auch die Durchsagen vom Schaffner nehmen mit dem aktuellen Angebot des Bordbistros. Und der Sitzplatzkampf bekommt so seinen ganz eigenen Charme.

Es gibt natürlich viele Reisende, für die solche Beschäftigungstherapien in der Gruppe das Schlimmste am Warten ist. In diesem Fall kann ich aus eigener Erfahrung nur Folgendes empfehlen: eine große Thermoskanne Glühwein. Mit Schuss.

Angelika Dehmel, Journalistin in Hamburg, hat zum 1. Advent wieder eine längere Bahnstrecke vor sich und rechnet fest mit unpünktlichen Zügen. Ihre Thermoskanne steht bereit – und Glühweingewürze hat sie auch schon gekauft.

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