Kolumne: MyGration

Sankt Martin abschaffen?

Der Streit über eine angebliche Abschaffung des Sankt-Martin-Umzugs hat vor allem den Muslimen geschadet. Vielleicht schauen wir beim nächsten Mal besser hin, ob die Aufregung überhaupt gerechtfertigt ist?

 „Sonne, Mond und Stress“, „Rabimmel, rabammel, rabumm“ – unter solchen Schlagzeilen hat sich in den vergangenen drei Wochen ein bemerkenswertes Schauspiel in Deutschland dargeboten, das dem Dadaismus entsprungen sein könnte. Und das wie der Dadaismus einen sehr ernsten Kern hat: Wieder einmal geht es um deutsche und christliche Traditionen und um Muslime, die diese angeblich in Frage stellten. Doch in Wahrheit entpuppt sich die Story dahinter vor allem als mediale Saat, die offenbar auf fruchtbaren Boden gefallen ist, weil Vorbehalte gegen Muslime tief in der Bevölkerung verankert sind.

Dieses Mal also muss Sankt Martin herhalten, der Mann mit dem Mantel, der so schön an die eigene Kindheit erinnert, an Kakao und Weckmänner, große Feuer und Feuerwehrmänner mit Fackeln in der Hand. Eine Kindertagesstätte in Bad Homburg feierte in diesem Jahr – das war die große Meldung – allerdings lieber ein „Sonne, Mond und Sterne-Fest“, angeblich aus Rücksicht auf muslimische Kinder (was die Leitung allerdings bestritt). Das zumindest schrieb eine Lokalzeitung, womit die Story im Raum war – und plötzlich eine bundesweite Debatte, die von den üblichen Verdächtigen, dem rechtsgerichteten Blog „Politically Incorrect“, befeuert wurde. Inklusive Drohungen an die Kita-Mitarbeiter. Und Polizeischutz für den Laternenumzug.

So weit, so schlimm. Noch schlimmer wurde es, als die mediale Vermarktungsmaschinerie richtig anlief. Dann sah sich der Linke-Politiker Rüdiger Sagel, immerhin Parteisprecher in NRW, veranlasst, in der „Rheinischen Post“ eine Abschaffung der Sankt-Martin-Umzüge zu verlangen, weil muslimischen Kindern keine christlichen Traditionen aufgezwungen werden sollten. Kurz darauf nahm der Politiker seine Forderung zurück, nachdem er gemerkt hatte, in welches Wespennest er gestochen hatte. Und nachdem er vermutlich endlich gemerkt hatte, welchen Bärendienst er den Muslimen selbst mit seiner vielleicht gut gemeinten Forderung erwiesen hat.

Was bleibt von diesem medial aufgeheizten und in unzähligen Leserbriefspalten ausgefochtenen Möchtegern-Kulturkampf, ist das dumpfe Gefühl, hier wollten irgendwelche Neuzugezogenen „unsere“ ohnehin nur noch sporadisch gelebten Rituale und Traditionen kaputtmachen. Dieser schale Beigeschmack wird bleiben. Das Verrückte ist nur: Kein Muslim hat die Abschaffung des Sankt-Martin-Tags- und –Zugs gefordert. Selbst die muslimischen Verbandsfunktionäre, wie Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime, haben nur abgewinkt. In einer Umfrage von ARD, ZDF und RTL sprach sich die Mehrheit der Befragten – mit und ohne Migrationshintergrund – gegen die Umbenennung des Festes aus.

Ein Kulturkampf fand also gar nicht statt, weil zumindest die eine Seite gänzlich fehlte: Muslime waren nicht beteiligt. Erschreckend, wie hasserfüllt viele Leute in den Kommentarspalten, beflügelt von den immer gleichen Islamhassern und Notorisch-Unzufriedenen, gegen etwas anschreiben, was gar nicht stattfindet. Vieles erinnert an die Meldung vor einigen Jahren, wonach die österreichischen Gipfelkreuze gegen Halbmonde ausgetauscht werden sollten. Was ging da für ein Aufschrei durchs Land. Erstaunlich, wie viele Leute damals einer völlig überzeichneten Satire-Meldung Glauben schenkten, weil sie in ihr Weltbild passte. Selbstredend war das alles Quatsch und nur ein Scherz.

Natürlich wird der Sankt-Martin-Umzug weiter stattfinden, jedes Jahr im November. Und natürlich wird Weihnachten auch in diesem Jahr stattfinden. Christliche Feiertage abzuschaffen wäre sowieso ein völlig ungeeigneter Weg, mehr Flexibilität ins Denken so mancher Zeitgenossen einzupflanzen und um mehr Akzeptanz für religiösen Pluralismus zu werben. Besser wäre, ohne viel Aufhebens die Feste von Einwanderern einfach ab und an mitzufeiern, bis selbst das Fremde nicht mehr ganz so fremd ist. Vielleicht wäre das dann auch mal eine Meldung wert.

Aber, wie so oft bei gesellschaftlichen Veränderungen, das dauert Zeit, selbst wenn das Traditionelle nicht zu Gunsten des Neuen beschnitten wird. Das sieht man an der so kontrovers geführten Debatte um die Homo-Ehe: Homosexuelle sollten endlich heiraten dürfen. Warum einige deshalb meinen, alleine aus dieser Forderung heraus würde die Hetero-Ehe an Wert verlieren, muss mal jemand erklären. Oder kann man das nicht erklären, weil es keinen logischen Zusammenhang gibt? Genau! Auch Sankt Martin bleibt Sankt Martin, selbst wenn einige Kinder lieber Halloween feiern. Es ist Zeit, sich auch als Christ im eigenen Land nicht ständig verfolgt zu fühlen.

Martin Benninghoff, Journalist in Hamburg, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Seine OC-Kolumne MyGration erscheint jeden Mittwoch.

 

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