Zinspolitik

Wahnsinn mit Methode

„Ist’s Wahnsinn auch, so hat es doch Methode“, lässt Shakespeare Hamlet sagen. Der Spruch kommt einem in den Sinn, wenn man darüber nachdenkt, was die Europäische Zentralbank seit geraumer Zeit macht

Die EZB hat die Finanzmärkte ein weiteres Mal überrascht. Obwohl die Junkies, die süchtig nach billigem Geld sind, mehrheitlich noch gar nicht damit gerechnet hatten, hat die Notenbank ihren Leitzins von 0,5 auf 0,25 Prozent gesenkt. Begründet hat EZB-Chef Mario Draghi den Schritt nicht zuletzt mit der rückläufigen Inflationsrate in der Eurozone, sie lag im Oktober bei 0,7 Prozent. Befürworter der lockeren Geldpolitik verweisen auf deflationäre Gefahren, denen die EZB begegnen müsse. Außerdem sei die Eurokrise noch nicht überwunden und die Konjunktur nach wie vor schwach.

Man muss sich doch wundern, dass ein kurzfristiger Rückgang der Inflationsrate gleich Deflationsängste auslöst und die EZB zu einer Zinssenkung veranlasst, obwohl sie die Banken ohnehin schon mit extrem viel extrem billigem Geld flutet. Wer gegenwärtig argumentiert, die EZB müsse Deflation vorbeugen, weil die in der Wirtschaft zu einer Spirale nach unten führe, muss ziemlich naiv sein. Erstens ist die Inflationsrate gesunken, weil Energie, die ein hohes Gewicht im Verbraucherpreisindex hat, billiger geworden ist. Energiepreise sind aber sehr volatil und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Ölpreis wieder steigt und mit ihm die Energiepreise und die Inflationsrate. Von Verbraucherpreisen, die auf breiter Ebene fallen, kann keine Rede sein.

Richtig ist, dass das Wirtschaftswachstum in der Eurozone schwach ist und Impulse brauchen kann. Dafür müsste die billige Notenbank-Liquidität bei Unternehmen und Verbrauchern in Form zinsgünstiger Kredite ankommen. Die Kreditentwicklung ist jedoch ausgesprochen schwach. Warum ist das so? Dass die Banken sinkende Zinsen auf der Habenseite sofort weitergeben und auf der Sollseite mit zeitlicher Verzögerung ist eine alte Erfahrung. Bei vielen Unternehmen der Realwirtschaft kommt das Geld, das sich die Banken zum Fast-Nulltarif bei der EZB besorgen, aber offenbar überhaupt nicht an oder nur zu anhaltend ungünstigen Konditionen, wenn man Klagen aus dem Mittelstand glauben darf.

Die Tatsache, dass die Banken ihre Rolle als Transmissionsmechanismus der Geldpolitik derzeit nur unzureichend wahrnehmen, hat meines Erachtens zwei Gründe. Erstens haben eine Reihe von Banken nach den massiven Abschreibungen, die sie in der Finanzkrise tätigen mussten, schlicht zu wenig Eigenkapital, um neue Kredite zu vergeben. Schließlich gibt es Relationen zwischen Kreditvolumen und Eigenkapital, die einzuhalten sind. Da nützt das ganze viele Geld nichts, das die EZB im Sonderangebot bereitstellt. Zweitens dürfte es eine Art Übereinkunft zwischen EZB, Banken und Regierungen der Eurozone geben.

Dieser unausgesprochene Deal sieht folgendermaßen aus: Die EZB stellt den Banken in großem Umfang Geld für lau zur Verfügung, das diese in Aktiva investieren, die nicht mit Eigenkapital unterlegt werden müssen. Die Regierungen sorgen dafür, dass es reichlich solche Aktiva gibt, nämlich Staatsanleihen Gleichzeitig erlauben sie den Banken weiterhin, Staatsanleihen nicht mit Eigenkapital zu unterlegen, obwohl inzwischen jeder weiß, dass auch die keineswegs risikolos sind. Doch der entscheidende Punkt an dem „Gentlemen Agreement“ ist, dass die EZB den Banken eine Garantie gibt, ihnen im Notfall die Staatsanleihen abzukaufen, wenn es notwendig wird.

Auf den ersten Blick gibt es in diesem Spiel zwei Gewinner. Natürlich die Euro-Staaten, die sich weiter verschulden können, weil die Banken ihnen in großem Stil die Anleihen abkaufen, die sonst möglicherweise keiner haben will. Aber auch die Banken, die risikolos die Differenz kassieren zwischen 0,25 Prozent, die sie bei der EZB zahlen und drei, vier, fünf und mehr Prozent, die sie für die Staatsanleihen kassieren. Bei den Milliardenbeträgen, um die es dabei geht, kommt da ein erklecklicher Gewinn raus. Und was ist mit der EZB? Ist sie der Verlierer im großen Monopoly? Keineswegs, sie kann sich als der große Retter, als der einzig verbliebene handlungsfähige Akteur in Euroland präsentieren. Schließlich kann sie auf die niedrige Inflation verweisen. Außerdem wissen Draghi und Co. natürlich, dass ein Ende des Euro auch das Ende der EZB wäre. Käme es nämlich in größerem Umfang zu Staats- und Bankenpleiten, zerfiele wahrscheinlich die Eurozone.

Gibt es also nur Gewinner? Leider nein, es gibt da noch die Millionen von Sparern in Europa. Die bezahlen die Zeche. Da die Banken angesichts des extrem billigen EZB-Geldes auf deren Einlagen nicht mehr angewiesen sind, werden sie – zumindest in den Euro-Kernländern – mit Minizinsen abgespeist. Für die Altersvorsorge ist das eine Katastrophe. Aber wie gesagt: Der Wahnsinn hat Methode.

Ludwig Heinz studierte BWL und VWL in München und arbeitete zunächst im Research-Bereich diverser Banken, bevor er im Jahr 2000 zur Anlegerzeitschrift “Börse Online” wechselte, wo er nacheinander die Ressorts Konjunktur und Anlagestrategie leitete. Er schreibt vorwiegend über volks- und finanzwirtschaftliche Themen, aber auch zu Fragen rund um das Thema Geldanlage und Altersvorsorge

 

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