Kolumne: Auf einen Klick

Warum die „Heute Show“ überschätzt wird

Die Heute Show im ZDF hat sich zu Deutschlands wichtigster Satiresendung entwickelt. An ihr Vorbild „Daily Show“ kommt sie aber leider nicht heran – das liegt an der Haltung

Der Gewinner des Internets diese Woche war wieder einmal die „Heute Show“. Die Satiresendung hatte am vergangenen Woche ein Stück mit Martin Sonneborn ausgestrahlt, in dem die Deutsche Bank, nun sagen wir mal, nicht geraden clever und medienerfahren rüberkam.  Allein bei Youtube wurde der Clip mehr als  250.000 mal angeklickt, unzählige Male auch in der ZDF Mediathek.

Die Sendung mit Oliver Welke ist längst eine Instanz. Sie wollte kein neuer „Scheibenwischer“ oder „Satiregipfel“ sein, sondern die deutsche „Daily Sow mit Jon Stewart“ – die politisch und kulturell einflussreichste Show im US-Fernsehen. Die US-Version machte Kandidaten lächerlich, entblößt die Scheinheiligkeit von Politikern und Wählern, löste Rücktritte aus und führte sogar zu einer der größten Demonstrationen in Washington, die „Rally to Restore Sanity and/or Fear“.

Davon ist die deutsche Show leider sehr weit entfernt. Das liegt nicht an dem Talent, stellenweise kommt die Sendung durchaus nah: bei den überdrehten Experten-Figuren, der Pointendichte, den Grafik-Wortspielen („Deutschland den Deutschen – AusländerMaut“).

Doch es gibt einen entscheidenden Unterscheid: Die Haltung der Sendung zu ihren Protagonisten – den Politikern, Medien, Unternehmen, Bürgern. Oliver Welke nennt den Bundespräsidenten „Opa Gauck“, Gabriel einen „dicken Angeber“, bei den Koalitionsverhandlungen kommt nur „Beschiss“ heraus. Die Politiker, Banker und Unternehmer, das klingt dabei raus, sind nicht viel wert, nicht ernstzunehmen, lächerliche Figuren, während das Publikum es doch viel besser weiß. Politik ist Lug und Betrug auf Kosten des Bürgers. Diese „Wir hier unten“-gegen-„Die da oben“-Haltung ist wohl das deutsche Satireerbe. Die gleiche Haltung legte ein Matthias Richling an den Tag, ein Matthias Deutschmann oder vor allem ein Volker Pispers.

Es ist die Haltung des Bildungsbürgers, der sich zu klug fühlt für das, was in der dummen Politik oder Wirtschaft passiert, für den Werte heilig sind und Kompromisse oder Macht ein Verrat an den Bürgern. Pispers und Richling sind sich zu fein für Differenzierungen, und enden dadurch ständig im Klischee. Ihnen reicht es, Politiker wie Gabriel oder Merkel auf de Bauchumfang oder eine Geste zu reduzieren. Sie wollen sie nicht entlarven, sie wollen sie lächerlich machen.

Nun gönnt sich auch Jon Stewart regelmäßig Gemeinheiten und Witze über Äußerlichkeiten. Er beschränkt sich aber nicht darauf. Seine Haltung ist eine völlig andere: Er hat zunächst Respekt vor den Politikern. Er gesteht ihnen das Recht ein, eine Haltung oder eine Absicht zu haben. Erst wenn diese widersprüchlich ist, wenn sie sich selbst widersprchen aus parteitaktischen Gründen, wenn sie offensichtlich Fakten verzerren, dann kennt er kein Halten mehr. Dann stellt er einfach alte Zitate gegen aktuelle, Fakten gegen Behauptungen, Recherche gegen Oberflächlichkeiten. Die Sendung will verstehen, nicht nur abfällig machen.

Und die Korrespondenten der US-Sendungen gehen in jeder Episode raus. Sie suchen skurrile Geschichten auf dem Land, machen Selbstversuche, verlocken ihre Gesprächspartner zu entlarvenden Aussagen. Und diese Woche zum Beispiel gaben sie Bürger der Lächerlichkeit preis, weil die zwar für Waffenkontrolle sind – aber zu faul waren, deshalb an einer Nachwahl teilzunehmen. Es gibt da kein „Wir da unten, die da oben“, sondern ein „Die Bürger bekommen das an Politik/Medien/Unternehmertum, das sie selbst wollen.“ Eine Haltung, die der Satiriker Dieter Nuhr in Deutschland am besten vertritt.

Nun gehen auch bei ZDF-Sendung Korrespondenten in Politveranstaltungen. Doch zu oft geben sie da nur den provokanten Kasper. Legendär deshalb sind nur wenige von ihnen. Der jetzige Martin-Sonneborg-Clip war selbst gar nicht für die Sendung produziert worden, sondern für eine Sonneborn-Show auf ZDF Neo. Die „Heute Show“ hatte den Ausschnitt jetzt nur wiederholt.

Am deutlichsten zeigt sich der Unterschied in der Haltung im letzten Drittel jeder „Daily Show“. Stewart  führt am Ende jeder Sendung ein Gespräch mit einem Politiker, einem Autoren, oder auch einem Historiker– unterhaltsam aber fundiert und ernsthaft. Er zitiert Studien, erklärt, lässt sich erklären. Dabei zeigt sich sich oft besser vorbereitet als die meisten deutschen Talkshow-Moderatoren. Klar, er will unterhalten. Oliver Welke könnte all das sicher auch. Er müsste sich nur trauen, sich und seinem Publikum mehr abzuverlangen.

Falk Heunemann, Autor in Hamburg, schreibt seine OC-Kolumne “Auf einen Klick” jeden Donnerstag.

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