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Die beste aller Welten

Verstehen Sie Börse? Da kündigt Ben Bernanke, der Chef der US-Zentralbank Fed,an, die Wertpapierkäufe zu reduzieren und die Liquiditätsflut einzudämmen – und an den Aktienmärkten schießen die Kurse nach oben. Dabei hatten Finanzmarktexperten bis vor kurzem noch gemunkelt, eine solche Maßnahme könnte einen Börsencrash auslösen

Ben Bernanke ist immer für eine Überraschung gut – die Börsen aber auch. Zur Erinnerung: Die Fed kauft seit längerem Monat für Monat für 85 Milliarden Dollar Staatsanleihen und andere Wertpapiere, pumpt also im gleichen Umfang Geld in das Bankensystem. Im Sommer hatte der Fed-Chef angedeutet, die US-Notenbank werde über kurz oder lang beginnen, diese Käufe einzuschränken. Die Folge war, dass an den Aktienmärkten kurzzeitig Panik ausbrach und die Kurse nach unten sackten. „Fed-Watcher“ erwarteten, dass das Kaufvolumen schon im Herbst reduziert werden würde. Doch im Herbst deutete Bernanke überraschend an, es könne doch noch etwas länger dauern. Folge: An den Börsen zeigte man sich hocherfreut, die Aktiennotierungen stiegen deutlich. Beobachter gingen daraufhin davon aus, dass es die Fed bis in das Frühjahr 2014 hinein bei 85 Milliarden belassen würde.

Nun schwenkt Bernanke erneut um und verkündet für die Märkte unerwartet, bereits ab Januar die üppige Geldversorgung einzuschränken und pro Monat zehn Milliarden Dollar weniger Wertpapiere zu erwerben. Legt man das bisherige Verhalten der Börsianer zugrunde, hätte es eigentlich zu einem massiven Rückgang der Aktienkurse kommen müssen. Doch weit gefehlt: Das Gegenteil trat ein, in den USA stiegen die Notierungen stark und hievten den Dow Jones auf einen neuen Rekordwert. In Asien und Europa zogen die Kurse ebenfalls kräftig an. Statt Crash war Boom angesagt.

Ökonomen und Aktienmarktanalysten tun sich schwer, die „unlogische“ Reaktion der Börsen zu erklären. Die Anhänger der These, dass die kurzfristige Kursentwicklung der Aktienmärkte schlicht nicht prognostizierbar, sondern mehr oder weniger Zufall ist, werden sich bestätigt fühlen. Für die Abertausende von Börsenexperten, die vom Auf und Ab der Märkte leben, ist diese Erklärung natürlich unbefriedigend, würde sie doch implizieren, dass die meisten von ihnen überflüssig sind. Versuchen wir deshalb, andere plausible Erklärungen zu finden.

Eine könnte sein, dass die Anleger erkannt haben, dass ein nach und nach reduziertes Wertpapier-Kaufvolumen keineswegs das Ende der Geldschwemme bedeutet. Es bedeutet lediglich, dass nicht mehr ganz so viel Liquidität in den Markt gepumpt wird wie bisher, aber immer noch wesentlich mehr als für die Finanzierung des erhofften Wirtschaftswachstums notwendig wäre. Für die Befeuerung der Hausse an den Aktienmärkten steht weiterhin mehr als genug Geld zur Verfügung. Allerdings ist unwahrscheinlich, dass diese Erkenntnis den Börsianern quasi von einer Minute auf die andere bewusst geworden ist – und damit ein von ihnen monatelang negativ interpretierter Schritt der Fed plötzlich positiv gewertet wird.

Eine weitere Erklärung wäre, dass die Nachricht, die Käufe würden ab Januar reduziert und voraussichtlich bis Ende 2014 komplett eingestellt, die Unsicherheit an den Märkten vermindert. Das sei positiv, weil eine alte Börsenweisheit lautet: Unsicherheit ist Gift für die Börse. Klingt nicht übermäßig überzeugend.

Eher dürfte die auf den ersten Blick unerwartete Reaktion der Börse damit zu erklären sein, dass Bernanke noch andere Botschaften verkündet hat als den Beginn des „Tapering“, wie Fachleute die Reduktion der Wertpapierkäufe nennen – Botschaften, die Anlegern gut gefallen. Da scheint mir wichtig zu sein, dass Bernanke klar signalisiert hat, die Fed werde die Niedrigzinspolitik noch lange beizubehalten, sogar deutlich über den Zeitpunkt hinaus, an dem die Arbeitslosenquote in den USA auf 6,5 Prozent sinkt. Außerdem geben Bernanke und seine designierte Nachfolgerin Janet Yellen de facto eine Garantie, die bewirkt, dass Börsianer auf absehbare Zeit in der besten aller Welten leben. Sollte sich die US-Wirtschaft gemäß den Erwartungen der Fed positiv entwickeln, werden die Wertpapier-Käufe gleichmäßig reduziert. Anleger können sich in diesem Fall über höheres Wirtschaftswachstum und steigende Unternehmensgewinne freuen. Gerät die Konjunktur jedoch ins Stocken, steht die Fed Gewehr bei Fuss, erneut Gas zu geben und das Kaufprogramm wieder aufzustocken. Kommt es zu diesem Szenario, können sich die Börsianer über zusätzliche Liquidität freuen. Warum also sollte der Aufwärtstrend an den Aktienmärkten kippen?

Ludwig Heinz arbeitete jahrelang im Research-Bereich diverser Banken und als Ressortleiter bei “Börse Online”. Heute schreibt er vorwiegend über volks- und finanzwirtschaftliche Themen, aber auch zu Fragen rund um das Thema Geldanlage und Altersvorsorge.

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