Olympia-Boykott

Danke, Herr Bundespräsident!

Die Entscheidung des Bundespräsidenten, den Olympischen Winterspielen im russischen Sotchi fernzubleiben, ist richtig und wichtig – gerade weil sie „nur“ ein Symbol ist

Wie sollen demokratische Rechtsstaaten mit undemokratischen Unrechtsstaaten umgehen? Der deutsche Diskurs schwankte in dieser Frage schon zwischen den Extremen, als es noch zwei deutsche Staaten gab, von denen der östliche um einiges unfreier und brutaler war, als das heutige Russland es ist. Auf der einen Seite gab und gibt es immer jene, die angesichts von Menschenrechtsverletzungen einen möglichst umfassenden Boycott fordern, jeden Handel für unmoralisch erklären, politische, ja selbst diplomatische Kontakte an Vorbedingung knüpfen. Als ob Dialog ein Selbstgespräch wäre.

Andererseits gab und gibt es immer die, die auf Wandel durch Handel, durch Austausch, durch Annäherung setzen, und diplomatische Kanäle offenhalten wollen. Die im Umgang mit Ostberlin oder Teheran aber einen solchen Schmusekurs fahren und von anderen einfordern, dass das Unrecht am Ende beschönigt und verschwiegen wird. Als ob alle Deutschen einen Diplomatenpass hätten. Dass beide Positionen dabei nicht selten wechseln, je nachdem ob es sich um eine eher ‚recht‘ oder eher ‚links‘ tuende Spielart der Tyrannis handelt, macht diese poltischen Debatten nicht werthaltiger. Für Künstler oder Sportler stellt sich die Frage oft schlicht: Soll ich da hinfahren oder nicht? Ob in die damalige DDR oder in den heutigen Iran.

Nun ist Russland heute bei weitem nicht so schrecklich wie es zum Beispiel Nordkorea ist. Russland ist eine korrupte Oligarchie, wo Recht, Demokratie und Bürgerrechte mehr auf dem Papier als in der Wirklichkeit gelten, Presse- und Meinungsfreiheit regelmäßig verletzt werden. In China steht es um die Menschenrechte dramatisch viel schlechter. Was das Internationale Olympische Komitee leider nicht gehindert hat, die Jugend der Welt nach Peking zu bitten – und unsere deutschen Sportler und Funktionäre nicht, dort auch hinzufahren. Was sollte man danach noch gegen Russland vorbringen?

Selbstverständlich widerspricht das russische Gesetz gegen sogenannte homosexuelle Propaganda  der olympischen Charta, wie es auch den von Russland unterschriebenen Charten der UN, der KSZE und des Europarates widerspricht. Der schwule Eiskunstläufer, der dort seinen Lebenspartner öffentlich küsst, macht sich demnach strafbar. Selbst wer aber findet, dass olympische Spiele nur in akzeptablen Staaten stattfinden sollten, muss anerkennen, dass die Latte dafür mit Peking sehr niedrig gehängt wurde. Nach Peking zu fahren, aber Sotchi zu boykottieren, hieße Russland Unrecht zu tun. Den Sportlern, die sich den Austragungsort ja nicht ausgesucht haben, erst recht.

In dieser verzwickten Lage hat nun der Bundespräsident genau das Richtige getan: Unsere Sportler werden dorthin fahren, so wie unsere Politiker und Diplomaten mit den russischen Nachbarn sprechen, unsere Unternehmen Güter austauschen, unsere Kulturschaffenden und Wissenschaftler einander besuchen. An den Beziehungen zwischen Deutschland und Russland hängt ein Stück Weltfrieden; wegen der Menschenrechte eines Eisläufers riskiert man keine Eiszeit mit Moskau.

Weil aber an den Rechten und der Würde jedes Einzelnen aus unserer westlichen Sicht alles hängt, setzt der Bundespräsident ein Zeichen. Ein Symbol, wie es von naiven Materialisten liberaler wie marxistischer Prägung regelmäßig unterschätzt wird. Deutschland verhandelt und handelt mit Russland. Aber es feiert nicht mit den Spitzen eines Landes, das sich derart ekelhafte Gesetze gibt. Joachim Gauck erweist dem Regime des Wladimir Putin keine vermeidbare Ehre, keinen unnötigen Glanz. Indem er zuhause bleibt vertritt der Bundespräsident unser Land, die Werte unserer Verfassung. Wenn jetzt auch noch die deutsche Politik und Verwaltung verfolgten Homosexuellen aus Russland und anderswoher umstandslos Asyl gewährt, hat Deutschland alles richtig gemacht. Dann können wir uns auch über jede schwarz-rot-goldene Medaille aus Sotchi freuen.

Joachim Helfer, Schriftsteller aus Berlin, ist auch schon einer Einladung in die Islamische Republik Iran nachgekommen, um dort offen für die Menschenrechte von Schwulen und Lesben einzutreten.

 

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 15 Bewertungen (4,53 von 5)