Kolumne: Auf einen Klick

Es tut auch kaum noch weh

Das Jahr seit der letzte Ausgabe der „Financial Times Deutschland“ hat sich anders entwickelt als damals von vielen gedacht. Vier Einsichten eines Ex-FTDlers

Ach, was haben wir gezittert, geweint und gejammert. Damals, vor ziemlich genau einem Jahr, als die letzte Ausgabe der „Financial Times Deutschland“ erschien. Das war doch unser Projekt, unsere Familie, unser Kleine-Brötchen-Geber. Was nun kommen würde, glaubten wir zu wissen: Nichts wird so sein, wie es mal war, der Wirtschaftsjournalismus ist tot, der Journalismus und Print sowieso. Wir werden unseren Job verlieren, hungern, darben. Die Kollegen der anderen Magazine nahmen unser Schicksal als Menetekel der Medienkrise oder wenigstens als Chance, eine einfach zu recherchierende Geschichte aufzuschreiben. Sogar der NDR drehte über uns eine halbstündige Dokumentation.

Diesen Samstag jährt sich die allerletzte Ausgabe zum ersten Mal. Diesmal werden wir nicht weinen. Fast alle von uns kommen in eine Bar im Hamburger Schanzenviertel, es gibt viel Alkohol, viele Anekdoten, und vor allem viele „Und was machst du jetzt so?“-Fragen.  Wir werden dann einander viel zu erzählen haben. Denn das Jahr hat sich nicht so entwickelt, wie wir es geglaubt haben: vier Lehren aus diesen zwölf Monaten

1.  Hurra, wir arbeiten noch. Oder vielmehr: wieder. Was haben wir vor einem Jahr vor dem Arbeitsmarkt gezittert, haben uns Schreckensszenarien vorgemalt, wie wir uns mit billigen Nebenjobs und Taxifahren ernähren müssen. Doch so schlimm kam es nicht. Der Arbeitsmarkt für Journalisten lebt. Die meisten von uns sind untergekommen, mehrheitlich auch in guten wie gutbezahlten Jobs. Frühere Ressortleiter wurden Chefredakteure bei Regionalzeitungen, Fachredakteure gingen zu Fachmagazinen, mehrere konnten bei den weitergeführten Magazinen „Impulse“ und „Capital“ weitermachen.  Nicht wenige machten sich selbstständig, wie Feingold Research, Fail Better Media oder das Büro SchreiberDohms. Wenige stiegen komplett der Branche aus und wurden Coaches und Tortenbäcker (Tarte Novelle). Nur die Älteren haben es leider schwer, trotz ihrer Erfahrung.

Und dann ist da ja die andere Seite: Vielleicht ein Viertel der ehemaligen Redakteure ist jetzt Sprecher einer Bank, einer Institution oder erstellt Magazine für Kunden (Corporate Publishing). Nicht, weil sie nichts anderes fanden. Sondern weil sie einen Arbeitsplatz angeboten bekamen, bei denen man mal auf der Seite der Entscheider sitzt. Und: Weil sie oft gut zahlen. Besser als damals bei der FTD in jedem Fall.

Erstaunlich allerdings: Die großen Namen – SZ, „Zeit“, „Spiegel“, – haben nur zögernd auf diesen riesigen Pool an freien Redakteuren zugegriffen. Und wenn, dann oft nur als Pauschalisten statt Festanstellungen, und auch nur in Randressorts, nicht etwa in Politik, Wirtschaft, Unternehmen, Finanzen. Der „Stern“, der ebenfalls bei Gruner-Jahr erscheint, stellte einst Unbefristete nur befristet  für ein Jahr ein. Meist allerdings nicht, weil sie nicht wollten. Ihr Verlag räumte ihnen einfach keine weiteren Stellen ein. Nun jedoch sind die damals Verfügbaren weg vom Markt. Pech für SZ, „Zeit“, „Spiegel“ und Co.

2.  Die Medienkrise ist eine Verlagskrise: Wer wissen wollte, warum die FTD gescheitert ist, muss nur ihren Verlag Gruner+Jahr in den letzten zwölf Monaten beobachten. Wie er wochenlang zur Schließung schwieg, während alle Medien schon darüber berichteten. Wie die Verlagsführung erst unser Magazin „Business Punk“ lobte und dann dessen Macher vergraulte. Wie sie eine Strategie als „House of Content“ formulierte, in der das Wort Journalismus nicht einmal mehr vorkommt. Wie sie nun funktionierende Redaktionen – und Geschäftsmodelle – wie „Neon“ aus verlagstaktischen Gründen ruiniert.

Hätte die Zeitung Journalismus so betrieben wie der Verlag verlegt, die Leser wären uns zu Recht fortgelaufen. Dabei stellt sich Gruner+Jahr kaum dümmer an als andere. Allenfalls plumper. Die andern wecken auch nicht gerade Vertrauen in ihre Kompetenz. Man beachte nur, wie die Funke-Gruppe ihre prosperierenden Regionalzeitungen kaputtreformiert, oder wie Burda glaubt, dass ihre Huffington-Post-Sparversion tatsächlich irgendjemand ernst nehmen kann.

3.  Die Transparenzbranche Journalismus mag keine Transparenz, wenn es um Stellen geht. Bei einer Behörde, einem Konzern, einer PR-Klitsche ist es selbstverständlich: Wenn eine Stelle frei wird, dann wird sie auch ausgeschrieben. Möglichst viele sollen von dem Job erfahren und sich bewerben, damit der Arbeitgeber dann die bestmögliche Auswahl hat.

Bei Medien ist das anders. Freie Stellen werden hier kaum ausgeschrieben, und wenn, dann nur im eigenen Verlag und oft auch nur formell, weil der Neue schon von den Ressortleitern oder der Chefredaktion auserkoren wurde. Diese Weisen aus den Chefetagen trauen dem Markt offenbar nicht, sondern nur ihrem Umfeld. Sie setzen lieber auf Mundpropaganda, Beziehungen und Empfehlungen. Die meisten von uns, die bei besseren Adressen unterkamen, wussten davon nicht aus Stellenanzeigen. Sie erfuhren es von Kollegen, unter der Hand. Oder wurden mündlich empfohlen. Als wenn Medien eine Geheimsekte wären. Oder sich verstecken müssten.

Dabei schaden sich die Chefredaktionen mit solcher Intransparenz nur selbst. Die Zeiten, in denen irgend jemand den Medienmarkt überblicken konnte und die besten Schreiber oder Rechercheure kannte, die sind vorbei. Der Markt ist dafür zu groß, das Internet zu vielseitig, die Karrieren zu wechselhaft. Auch sich nur auf Initiativbewerbungen zu verlassen, ist gefährlich. Wer Journalist werden will, bewirbt  sich nicht automatisch bei ihm bekannten Mediennamen. Das Misstrauen in ihre Qualität und ihre Jobsicherheit ist gewachsen. Zumal wenn keine Stellen ausgechrieben sind. Wohl aber bei der Konkurrenz: Blogs,  Startups, Medienagenturen, Corporate Publishing, Unternehmen und staatliche Institutionen. Sie bieten mehr Geld, mehr Freiheiten oder auch mehr Einblick in Machtstrukturen.

Chefredaktionen lassen gute Journalisten einfach vorbeiziehen, wenn sie weiter darauf vertrauen, dass die sich schon von selbst bei ihnen melden werden. Die Redaktionen müssen auf sich aufmerksam machen, um neue Kräfte werben, einfach mal wieder zeigen, dass sie als Arbeitgeber tatsächlich offen sind. Und auch, um mal andere Bewerber kennenzulernen statt immer die selben.

Das Schlimmste, was passieren kann, ist doch nur, dass die Personalentscheider ein paar Bewerbungen mehr als bisher lesen müssen.

4.  Nein, die Zukunft des Journalismus liegt nicht im Netz. Zumindest, solange man sich eingesteht, dass Journalisten letztlich Nachrichten-Handwerker sind und wie Handwerker auch bezahlt werden müssen. Für ihre Zeit, ihre Ausbildung, ihre Erfahrung. Den meisten ist es dabei sogar egal, ob sie für Print oder Online schreiben, ob für ein neues Blog oder eine alte Zeitung. Sie wollen aber für ihre Fähigkeiten und ihre Arbeit entlohnt werden, um sie professionell betreiben zu können. Wer anderes glaubt, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann.

Falk Heunemann, Autor in Hamburg, war Kommentarredakteur der „Financial Times Deutschland“. Er schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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