Bitcoins

Stimmt, Geld kann man stehlen

Die Europäische Bankenaufsicht hat sich jetzt die virtuellen Währungen wie Bitcoin oder Litecoin vorgeknöpft. Die Kontrolleure warnen – leider mit den falschen Argumenten

So viel Transparenz muss sein: Ich habe selbst Bitcoins. Nicht viele, aber dank der Kursrally der vergangenen Monate könnte ich mir inzwischen damit eine Weltreise leisten – wenn ich das Zeug wieder in „echtes“ Geld umtausche. (Vor einem Jahr hätte es maximal für ein mehr oder minder gepflegtes Abendessen gereicht.) Aber ich verkaufe das Zeug nicht. Noch nicht. Und in dieser wahrscheinlich sehr unsinnigen Haltung hat mich jetzt auch die Europäische Bankenaufsicht (EBA) bestärkt. Die hat nämlich vor den virtuellen Währungen gewarnt – aber mit den denkbar schlechtesten Argumenten. Und das wird den Kurs der Crypto-Währungen erst mal eher stützen als schwächen.

Die EBA identifiziert sechs mögliche Gefahren, mit denen Nutzer der neuen Privatwährungen rechnen müssen. Diese Gefahren sind zwar real, aber – und das scheint den Kontrolleuren entgangen zu sein – völlig irrelevant bei der Bewertung der neuen Geldformen, oder besser: Anlageformen. Die EBA klingt wie die Aufsicht der Pferdekutschenbetreiber, die davor warnt, dass im motorisierten Straßenverkehr mehr Unfälle passieren. Ja stimmt, liebe Aufseher, aber so what?

Was sind nun die sechs Argumente, die mir die Lust aufs Alternativgeld nehmen sollen?

Erstens, ich könnte beim Umtausch, beim Kauf oder Verkauf der Privatwährungen auf die Nase fallen, weil die Handelsplattformen nicht reguliert sind, weil es keine durch irgendwelche Einlagensicherungssysteme abgefederten Oma-Sparstrumpf-Bereiche gibt. Aber, ehrlich gesagt: Das erwartet bei den Bitcoins auch keiner. Und dass die EBA ausgerechnet das alte Bankensystem zum Hort der Stabilität und der risikolosen Geldanlage verklärt, ist schon ziemlich, na sagen wir mal: bizarr. „You should be aware of the fact that exchange platforms are not banks that hold their virtual currency as a deposit”, warnen die Aufseher. Richtig an diesem Satz ist der Teil, dass Handelsplattformen keine Banken sind. Der Rest ist Unsinn.

Die Hoffnung der Spekulanten

Zweitens könnte mein Geld aus meiner (elektronischen) Brieftasche gestohlen werden. Auch das stimmt. Geld kann gestohlen werden. Das ist eine Gefahr, die schon seit den Lydern bei Geldbesitzern unangenehme Gefühle weckt. Bitcoins sind in dieser Hinsicht keine Verbesserung zum Bargeld. Aber eben auch nicht schlechter. Es ist ein grundlegendes Missverständnis, wenn man den Crypto-Währungen ankreidet, dass sie Eigenschaften haben, die sie dem Bargeld ähnlicher machen als dem Giralgeld.

Selbst ihr stärkstes, ihr drittes Argument versemmeln die EBA-Leute: Statt offen zu sagen, was der entscheidende Vorteil der traditionellen Währungen ist – nämlich die Keule des Staates in der Hinterhand –, murmeln sie was vom fehlenden Schutz, wenn man Bitcoins als Zahlungsmittel einsetzen will. Jetzt schreckt es aber im Moment nicht sonderlich, dass Zahlungen (auch an die falschen Empfänger) bei den Crypto-Währungen nicht umkehrbar sind. Das ist bei Barzahlungen oft auch so – kennen wir also schon. Und dass in privaten Geschäftsbeziehungen Vertragsfreiheit herrscht, niemand also gezwungen werden kann, eine selbst gebastelte Währung zu akzeptieren, versteht sich von selbst. Genauso wie niemand gezwungen ist, seine persönlichen Daten irgendwelchen sozialen Netzwerken anzuvertrauen. Trotzdem tun es sehr, sehr viele Menschen, in der Hoffnung, dass sie von den Netzwerk-Effekten profitieren. Ähnliches erwarten die Bitcoin-Spekulanten eben von der Privatwährung.

Auch das vierte Argument geht nach hinten los: Natürlich ist der Kurs solcher seltsamen Währungen extrem volatil. Und damit auch mit der Gefahr des Totalverlustes verbunden (aber auch mit der Chance auf Riesengewinne). Märkte sind Informationsverarbeitungsveranstaltungen, und Kurse drücken im besten Fall das Ergebnis dieser Informationsverarbeitung aus. Aber gerade bei der Einführung solcher Kopfgeburten wie den Bitcoins sind Informationen eben Mangelware: Was ist der „faire Preis“ eines Bitcoins? Wer akzeptiert diese Währung heute, nächstes Jahr, in zehn Jahren? Was ist der „Gegenwert“ eines privaten Nichts in Einheiten eines staatlichen Nichts? Das sind Glaubensfragen, plus Spiel- und Herdentrieb, plus Gier und Panik, plus Umweltbedingungen. Aber kein Argument gegen die Privatwährungen.

Mit den Argumenten fünf und sechs zeigt die EBA schon eher, um was es wirklich geht. Um die Frage nämlich, wie „frei“ Geld in einem Gemeinwesen sein darf. Diese Frage würden die Bankenaufseher natürlich so nicht formulieren – sie codieren sie deshalb mit Begriffen wie „kriminelle Aktivitäten“, „Geldwäsche“ oder „Steuern“. Und erinnern daran, dass die Keule (des Staates) auch bei den Bitcoins mal zuschlagen könnte. Das stimmt. Aber es ist kein Argument gegen die Privatwährungen, sondern nur: eine Drohung.

Bitcoins sind vor allem Angstgeld

Vielleicht sollte man von Aufsehern des klassischen Bankenbetriebs auch nicht wirklich gute Argumente gegen die neuen Gelderfindungen erwarten. Dabei ist es eigentlich so offensichtlich, was das Problem mit den Bitcoins und den anderen Crypto-Währungen ist: Sie sind klassisches Hortgeld, eine Art Goldwährung mit äußerst geringen Transaktionskosten zwar, aber genauso ein “barbarisches Relikt” wie das Edelmetall. Im besten Fall sind sie eine hochspekulative Geldanlage mit dem nicht wirklich verdienten Ruf, anonym und unbeschattet von staatlicher Neugier zu sein. Auch wenn die meisten Bitcoin-Enthusiasten es abstreiten würden: Bitcoins sind vor allem eins – Angstgeld. Sie suggerieren Schutz vor … ja, vor was eigentlich? Vor der ständig lauernden Hyperinflation? Vor den verschwörerischen Zentralbanken? Vor dem gierigen Staat und seiner Enteignungspolitik? Vor dem unvermeidbaren Zusammenbruch der Zivilisation? Solange in den Trümmern des Gemeinwesens wenigstens noch ein paar Rechner funktionieren. Das Paradoxe daran: die erfolgreichste peer-to-peer-Währung der Gegenwart ist ihrem Wesen nach vor allem eine antisoziale Währung, eine Über-Ego-Währung. Es ist vielleicht das erste Mal in der Geschichte, dass Ebenezer Scrooge als Anarchist auftreten kann und trotzdem unbekehrt bleibt.

Zugegeben: Bitcoins lösen ein Problem der Geldschöpfung – die Selbstbindung des Emittenten – elegant durch einen Algorithmus, der die Geldmenge transparent für alle und für alle Zeit deckelt. Aber ist das wirklich unser größtes Problem? Müssen wir tatsächlich so krampfhaft Knappheit mit unserem Geld imitieren, in einer Welt, in der Knappheit vielleicht gar nicht mehr das ganz große Problem ist? Ich hoffe jedenfalls sehr, dass Bitcoins in ihrer gegenwärtigen Form nicht das Letzte sind, was uns beim Thema Geld einfällt. Selbst wenn ich mir dann die Weltreise nicht mehr leisten kann.

Axel Reimann ist Autor von „Privatwährungsordnung als Ergebnis der Marktevolution?“ (Diplomica, Hamburg 1996). Im März 2014 erscheint von ihm „Die Rindvieh-Ökonomie“ im Gütersloher Verlagshaus. Er bloggt auf www.axelreimann.com

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 5 Bewertungen (4,80 von 5)