Wettbewerbsfähigkeit

Kein Grund zur Panik

Die Arbeitskosten steigen in Deutschland derzeit stärker als im Durchschnitt der Eurozone. Schon werden reflexartig die ersten Stimmen aus dem Lager der Arbeitgeber laut, dass die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft in Gefahr sei. Für Spendenaufrufe zu Gunsten der deutschen Industrie ist es aber noch ein bisschen zu früh

Um je 2,8 Prozent stiegen die Arbeitskosten im vergangenen Jahr und in der ersten Hälfte dieses Jahres, teilte kürzlich das IMK-Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung mit. In der Eurozone lag das Plus in der gleichen Zeit nur bei jeweils 2,2 Prozent. Ist das ein Grund zur Sorge für Deutschlands Wirtschaft? Über die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft eines Landes sagen die Veränderungen in einem solch kurzen Zeitraum herzlich wenig aus.

Um den jüngsten Anstieg der Lohnkosten in Deutschland richtig einzuschätzen, muss man zumindest eine längerfristige Betrachtung vornehmen. Dann zeigt sich nämlich, dass Arbeit sich im Vergleich zu den meisten anderen Euro-Staaten seit der Jahrtausendwende weit unterdurchschnittlich verteuert hat. Folge: Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft hat sich bis vor zwei Jahren sogar enorm verbessert. Mit einem Plus von zuletzt 2,8 Prozent gegenüber 2,2 Prozent im Euroland-Durchschnitt ist man noch meilenweit davon entfernt, die Verbesserungen der vorigen zehn Jahre einzubüßen.

Und: Bevor man die Verteuerung der Arbeitskosten in Deutschland kritisiert, solle man bedenken, dass der niedrigere durchschnittliche Anstieg in der Eurozone nicht zuletzt daraus resultiert, dass notleidende Euro-Randstaaten wie Spanien, Portugal und Griechenland lediglich minimale und teilweise sogar massive Rückgänge ihrer Arbeitskosten hinnehmen mussten. Die unterschiedlichen Veränderungsraten Deutschlands und der Euro-Problemländer drücken somit aus, dass der von vielen geforderte Anpassungsprozess in Sachen Wettbewerbsfähigkeit tatsächlich stattfindet, wenn auch langsam.

Aussagefähiger als der Blick auf Veränderungsraten ist ohnehin ein Blick auf die absolute Höhe der Lohnkosten. Der zeigt, dass Deutschland mit 31 Euro pro Arbeitsstunde moderat über dem Durchschnitt der Eurozone von 28,20 Euro liegt. Doch auch das ist kein Grund, warnend den Zeigefinger zu heben. Denn der Durchschnitt wird durch die EU-Schwellenländer in Osteuropa gedrückt, die nun nicht unbedingt die große Konkurrenz für die äußerst leistungsfähige deutsche Industrie darstellen. Beispielsweise kostet die Arbeitsstunde in Litauen 5,70 Euro, in Rumänien 4,50 Euro und in Bulgarien 3,60 Euro.

Entscheidend ist die Produktivität

Wesentlich teurer als Deutschland sind unter anderem Schweden und Finnland, also Länder, von denen man nicht gerade behaupten würde, sie seien nicht wettbewerbsfähig. Abgesehen davon, dass gute Produkte viel wichtiger für Erfolg auf den Weltmärkten sind als billige, kommt es neben den Arbeitskosten ganz wesentlich noch auf etwas anderes an: auf die Produktivität – und die ist in Deutschland, wie auch in Schweden und Finnland, außerordentlich hoch. Damit verteilen sich die Arbeitskosten auf eine größere produzierte Stückzahl als in den meisten anderen Ländern. Hohe Lohnkosten pro Stunde können demnach durchaus mit relativ niedrigen Lohnstückkosten einhergehen.

Die höheren Lohnsteigerungen der vergangenen eineinhalb Jahre gefährden also die internationale Wettbewerbsposition der deutschen Wirtschaft keineswegs. Sie haben sogar in mehrerer Hinsicht ihr Gutes. Erstens werden die Früchte der relativ guten und stabilen Konjunkturentwicklung gerechter auf die Arbeitnehmer verteilt als in den zehn Jahren davor. Das nimmt – zweitens – der internationalen Kritik an Deutschland – man tue zu wenig für die Binnennachfrage und damit für die Importe und eine ausgeglichenere Leistungsbilanz – etwas den Wind aus den Segeln. Zwar sind diese Vorwürfe ohnehin – man muss es so deutlich sagen – Blödsinn, doch manchmal braucht man auch gegen blödsinnige Kritik Argumente.

Fazit: Der zuletzt gegenüber dem Euroland-Durchschnitt etwas höhere Anstieg der Arbeitskosten ist vor allem eines: der Beginn eines Normalisierungsprozesses, nachdem Deutschland in der Lohnentwicklung der Eurozone ein Jahrzehnt hinterherhinkte. Das stärkere Plus spiegelt im Übrigen auch die gute Arbeitsmarktlage in Deutschland wider.

Ludwig Heinz, Autor in München, würde sich freuen, wenn es auch für freie Journalisten ein nennenswertes Einkommensplus geben würde. Aber das bleibt wahrscheinlich ein frommer (Weihnachts-)Wunsch.

 

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 16 Bewertungen (4,94 von 5)