Ukraine

Krieg gegen das eigene Volk

Ein demokratisch gewählter President verwandelt sich in einen brutalen Diktator und bringt ein europäisches Land innerhalb von nur zwei Monaten an Rand einer Katastrophe. Wie sich ein Bürgerkrieg vielleicht noch vermeiden lässt

Als ein Polizist vor wenigen Tagen in Kiew vor einer aufgebrachten Menge steht, verliert er kurz die Nerven und greift zur Pistole. Er schreit, er würde sie gleich benutzen, wenn die Protestler sich nicht beruhigten. Doch er traut sich nicht. Mit „Schande“-Rufen reißen Demonstranten ihm seine Schulterklappen ab und lassen ihn gewähren.

Die Lage in der Ukraine ist äußerst explosiv, doch jeder weiß – wenn der erste richtige Schuss fällt, dann gibt es kein Zurück mehr. Es würde einen blutigen Bürgerkrieg geben, die Lage wäre außer Kontrolle. Und das in einem Land mit 46 Millionen Einwohnern, einem Land von der Größe Frankreichs, gelegen mitten in Europa.

Auf die ersten Berichte über Schüsse auf den Straßen reagierten die Ukrainer nervös. Sie riefen bei den Fernsehsendern an und baten Journalisten darum, alle Informationen darüber besonders sorgfältig zu überprüfen. Was für Schüsse? Doch nicht scharfe, oder?

Das klang nicht nur nach Besorgnis, sondern auch wie eine Art verdeckte Drohung an die Staatsmacht. Allein legal registrierte Schusswaffen gibt es in der Ukraine über zwei Millionen. Deren Besitzer sind elektrisiert, bereit sich zu schützen.

Nach zwei Wochen friedlichen Proteste verlieren Menschen die Geduld. Der Präsident und seine Umgebung zeigen sich immer rücksichtsloser. In einer Blitzaktion wurde im Parlament am 16. Dezember ein Gesetzespaket verabschiedet, welches die Ukraine de-facto zu einer Diktatur gemacht hat.

Keine einzige Forderung der Demonstranten hat der Präsident erfüllt. Die Verantwortlichen für die beispiellose Polizeigewalt wurden nicht bestraft. Im Gegenteil, neue Gesetze schützen sie sogar. Das klingt wie Hohn. Und die Spirale der Gewalt dreht sich.

Die mittlerweile verhassten Sondertruppen „Berkut“ schießen Metallkugeln statt Gummigeschossen, binden Steine an Blendgranaten, um deren Schlagkraft zu erhöhen, werfen sogar eigene Molotowcocktails gegen Aufständische. Sie jagen Journalisten, schießen Kameraleuten und Fotografen mit Gummikugeln ins Gesicht, zertrümmern deren Kameras.

Auf Kiews Strassen tauchten jetzt  „Lohnschlägertruppen“ auf, die Autos in der Innenstadt demolieren und Passanten angreifen. Einwohner der Hauptstadt müssen sich selbst organisieren und für Ordnung sorgen. Die Polizei holt Verletzte aus Krankenhäusern und lässt Aktivisten des Wiederstandes spurlos verschwinden.

Es ist ein Krieg gegen das eigene Volk.

Die Befehlsgeber und Mitstreiter des Regimes müssen jetzt ein deutliches Signal erhalten, dass sie weder in Europa noch in den USA erwünscht sind. Sie haben sich große Anwesen in Europa gekauft und Firmennetzwerke aufgebaut. Ihr Geld haben sie unter anderem in die Schweiz, nach Österreich und nach Deutschland geschafft. Ihre Kinder haben sie auf Privatinternate geschickt und ihren Urlaub verbringen sie am liebsten in den Alpen und am Mittelmeer. Da, wo sie die Trommeln der Aufständischen nicht zu hören bekommen.

Ihre Konten sollten eingefroren, ihnen die Einreise verboten werden. Eine sofortige Einführung von Sanktionen gegen Vertreter der Regierung und ihrer Familienangehörigen ist das, was Europa und die USA für die Ukraine tun können. Und bitte so schnell wie möglich!

Maxim Sergienko, Foto- und Videojournalist und Multimedia-Producer in Hamburg, ist geboren und aufgewachsen in der Ukraine. Seit 1992 lebt er in Deutschland. Vier Jahre war er Researcher und Autor bei der „Financial Times Deutschland“, neun Jahre lang Bildredakteur.

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