Beschleunigung

Das Jahr der Entschleunigung

Die Besinnlichkeit ist vorbei, die Zeit rast wieder. Die Frage ist, wie man die Beschleunigung aufhalten kann, die zum gesellschaftlichen Problem geworden ist. Zeit ist inzwischen längst wichtiger als Geld und Macht

Die Weihnachtsstage sind, Jesus‘ Geburt hin oder her, ein Fest der Ruhe, der Besinnung. Inzwischen läuft die Maschine wieder, die S-Bahnen, Büros und Laufbänder in den Fitnessstudios füllen sich wieder – und die Medien besprechen nicht mehr Rezepte für Weihnachtsessen, sondern vermeintliche Gefahren, die von Bulgaren, Rumänen oder Deutsche-Bahn-Vorständen ausgehen könnten. Auch der Opinion Club geht in das neue, in sein zweites Jahr. Die Frage zu Beginn lautet, wie das hastige Alltagsleben entschleunigt werden kann, wie die Besinnlichkeit von Weihnachten bis Silvester auch für Silvester bis Weihnachten gelten kann.

Beschleunigung ist sicher das wesentlichste, wenn auch am meisten unterschätzteste Phänomen dieser Zeit. Außer dem Soziologen Hartmut Rosa hat sich kaum jemand näher damit intellektuell beschäftigt, geschweige denn politisch. Beschleunigung ist ein typisches Merkmal des Kapitalismus, der Arbeitsteilung und der Effizienz, sie fußt auf die Denke der protestantischen Ethik, nach der Müßiggang aller Laster Anfang ist. Die Globalisierung und die Digitalisierung haben die Beschleunigung endgültig vorangetrieben, die Zeit ist zur dominanten Ressource geworden, wichtiger als Geld und Macht.

Die Entfremdung, über die sich Karl Marx noch echauffieren konnte, ist ohnehin längst Normalität: Die Arbeitsprozesse sind so ausdifferenziert, dass kaum jemand noch eine Wertschöpfung vom Anfang bis zum Ende begleitet – nicht einmal der Landwirt selbst. Digitalisierung und Globalisierung führen nun zusätzlich dazu, dass jeder Prozess immer schneller werden muss, weil alles noch austauschbarer geworden ist. Der einzelne Mensch hat kaum eine Chance. Eine Stunde Yoga führt vielleicht dazu, dass er eine Stunde zur Ruhe kommt, die Zeit muss er danach aber wieder aufholen. Gut, man kann sich eine Auszeit nehmen, vielleicht einen neuen Job suchen, die Aufteilung von Kinderbetreuung und Job zu Hause ändern. Gesellschaftlich ändert das nichts.

Die Frage ist also, was die Politik machen kann. Immerhin gehen wir mit einer neuen Bundesregierung ins neue Jahr. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel musste sch bereits dafür rechtfertigen, künftig die Mittwochnachmittage seiner Tochter zu widmen. Und Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat schon dafür plädiert, dass mit dem Anwesenheitswahn im Büro Schluss sein müsse. Was ginge sonst noch: Die Geschäfte schließen um 18 Uhr, Teilzeitjobs werden die Regel und nicht die Ausnahme, auch bei Führungskräften? Sämtliche politische Entscheidungen gingen in der Vergangenheit in die genau andere Richtung. Es wäre zu wünschen, wenn die Politik sich dem Thema annimmt. Marktwirtschaft, Digitalisierung, Globalisierung sind schließlich alles Errungenschaften, sie brauchen nur ihre Zeit.

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs, kündigte vor über zwei Jahren seinen Redakteursjob bei der Financial Times Deutschland, bei dem er – unbezahlt und wie selbstverständlich – jeden zweiten Sonntag arbeiten musste. Mit Teilzeitjob und diversen freien Aufträgen verdient er nun mehr, arbeitet weniger und konnte endlich nebenbei noch seinen Roman zu Ende schreiben.

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