Dschungelcamp

Der Dschungel, das sind die anderen

Eigentlich müsste man RTL für das Dschungelcamp dankbar sein. Nicht weil das Format besonders intelligent wäre und wegen der neunmalklugen Moderatoren. Sondern weil das Experiment zeigt, was wir Deutschen immer noch sind: ein Haufen Alltagsnazis

Man könnte meinen, für Rezensionen des Dschungelcamps sei schon genug Webspace gestorben. Dabei ist das RTL-Format immer noch unterschätzt, und vielfach wird es auch falsch verstanden. Meist begründen die Menschen ihre Faszinazion mit dem dämlichen Verhalten der Kandidaten und der angeblich ach so klugen Moderatorentexte. Das Dschungelcamp ist allerdings aus einem anderen Grunde sehenswert: Das Experiment ist darauf ausgerichtet, ein menschenverachtendes, ja zeitweise faschistoides Verhalten bei Kandidaten und den Zuschauern zu erzeugen – und es ist traurig, aber auch dieses Jahr wieder wahr: Es funktioniert.

Die schlimmsten sind die beiden Moderatoren, die sich für besonders schlau halten, weil andere Menschen ihnen Moderationskärtchen mit ADAC-Witzen schreiben. Sie kommentieren das Geschehen der so genannten Prominenten in diesem Camp, sie steuern die Zuschauersympathien und reden über die Show-Teilnehmer als seien sie lächerliche Existenzen, dabei sind die Kandidaten auch nur Produkte diverser RTL-Shows oder besser gesagt: ihre Ausschussware.

Verantwortung für eine Hetzjagd der Zuschauer oder Nervenzusammenbrüche übernehmen die beiden Moderatoren natürlich nicht. Und wenn bei den diversen Spielchen mit Skorpionen und Stromstößen tatsächlich jemand zu Schaden käme, würden sie sich vermutlich – anders als Thomas Gottschalk damals – auch noch herausreden, sie haben ja nur ihren Job getan. Und die Kandidaten sind doch eh Medienprofis und freiwillig dort, nicht wahr?

Es ist sicher eine grundsätzliche Frage, ob man die Kandidaten bedauern muss oder nicht. Schadenfreude oder Häme sind aber sicher die falschen Gefühle. Und genau darauf zielt die Sendung ab. Natürlich sind diese Menschen freiwillig dort, aber ob sie gerne dort sind, ist eine andere Frage. Sie sind dort, weil sie in ihrer beruflichen Existenz als öffentliche Person nicht genug Geld verdienen und Aufmerksamkeit brauchen. Als dann das Angebot kam, sich für Geld die Würde abkaufen zu lassen und vor laufenden Kameras Würmer zu schlucken, in Haufen von Skorpione zu greifen und Stromstöße zu erdulden, haben sie zugesagt.

Vielleicht hat nicht jeder Mensch einen Preis, aber jeder Mensch, der Geld braucht, schon. Die Kandidaten der Big-Brother-Staffeln, die wirklich medienunerfahren waren, waren dagegen wesentlich weniger von RTL abhängig. Denn sie hatten bis zum Tag des Einzugs ja einen Job. Die Dschungelkandidaten sind drei Schritte, nun ja, weiter. Vielleicht sollte ihnen mal jemand sagen, dass das deutsche Handwerk dringend Nachwuchs braucht.

Das wirklich Erschreckende, und dafür kann RTL nur bedingt etwas, ist die Tatsache, dass das Experiment funktioniert – und die Menschen genau so menschenverachtend reagieren, wie die Macher das provozieren und sich vermutlich erhofft haben. Larissa, eine verwöhnte, etwas verpeilte Österreicherin mit einem großen Herz, wird innerhalb von kürzester Zeit zum Feindbild der Fernsehnation und der anderen Kandidaten im Camp. Die Zuschauer wählten sie nacheinander jeden Abend in eine so genannte Übung, wo sie Kakerlaken und Würmer über sich ergehen lassen musste, um warme Speisen für sich und die anderen zu ergattern.

Einmal musste sie gemeinsam mit Melanie Müller, einer ehemaligen Pornodarstellerin aus Ostdeutschland, allerlei ekelhafte Säfte trinken. Melanie trank pflichtschuldig jede Brühe runter und bekam viel Lob von den Moderatoren und den anderen aus dem Camp. Larissa weigerte sich den pürierten Anus vom Buschschwein zu trinken, das sei unter ihrer Würde. „Ich trinke dieses Arschloch nicht“, sagte sie. Im Grunde war dies der klügste, humanistischste Satz, der jemals bei der RTL gesagt wurde. Doch Larissas Mitmenschen zeigten ihre hässliche Fratze, beschimpften sie als Verräterin, die nicht bereit sei, sich in den Dienste der Sache zu stellen.

Auch bei späteren Übungen, bei denen Larissa sehr wohl alles gab, zeigte sich wieder das wahre Gesicht der Deutschen. Sozial ist man nur, wenn sich der Schwache unterwirft. Wenn er eine starke Persönlichkeit hat, womöglich noch einen Hauch von Exzentrik, zumindest aber den Anspruch, seine Würde möge doch bitte bewahrt bleiben, dann ist er sofort der Böse. Gänzlich absurd war der Auszug des Schlagersängers Michael Wendler. Der war klug genug, das Camp für ein paar Tage Promotion in eigener Sache zu nutzen und zu gehen, als es nervig wurde. Er machte also das wofür das Dschungelcamp da ist: zum Geldverdienen. Für die Dschungelfans, -moderatoren und -teilnehmer war er aber fortan persona non grata, sie fanden es verwerflich, als hätte er eine moralische Verpflichtung gegenüber RTL gehabt. Aus dem Spiel war plötzlich Ernst geworden.

Und so zeichnet sich ein Menschen- und Gruppenbild, das ein bisschen an das des hässlichen Deutschen vor ein paar Jahrzehnten erinnert. Am Rande stehen die Moderationsschergen, sie mobilisieren, leugnen aber ihre Pflicht. Im Ring sind die Protagonisten zuerst bereit, für Geld ihre Würde abzugeben, um sich dann komplett der Gruppe und dem Projekt unterzuordnen. Und die Zuschauer, sie schauen von draußen drauf, sie warten, bis jemand Schwäche zeigt, um öffentlich über ihn herzufallen. Ja, man müsste RTL eigentlich danken, dass der Sender uns daran erinnert, wie furchtbar die Menschen sein können. Man kann nur hoffen, dass Larissa Königin des Dschungels wird und dann Kaiserin von Deutschland. Dann, aber auch nur dann, wird alles gut.

Stefan Tillmann, Mitgründer von Opinion Club, hat dieses Jahr zum ersten Mal das Dschungelcamp geguckt. Wenn Menschen Kakerlaken essen, schaltet er aber immer noch weg.

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