Arbeitsmarkt

Die Crux mit den Ausnahmen bei Minijobs

Minijobs sind besser als ihr Ruf, auch für etliche Arbeitnehmer. Dennoch werden viele Minijobber erst 2016 in den Genuss des Mindestlohns kommen

Minijobs haben einen wirklich schlechten Ruf. Geht man nach den Meldungen, die derzeit quasi täglich verbreitet werden, werden Minijobber wie kaum eine andere Spezies arbeitender Menschen als Niedriglöhner gegen alle Gesetze ausgebeutet. Nur ist das leider falsch – zumindest in dieser einfachen Formulierung. Und viele werden den geplanten Mindestlohn frühestens 2016 erhalten, wenn ihr Lohn bis dahin nicht ohnehin höher ist.

Wer in einem Minijob arbeitet, ist keineswegs Freiwild in Sachen Lohn. Überall da, wo Minijobber in Betrieben mit Tarifbindung arbeiten, muss der Tariflohn gezahlt werden. Und zwar auch für Rentner und Studenten. Besser noch: Weil Minijobber sehr häufig bereits sozial versichert sind, haben sie Anspruch auf einen Tariflohn brutto für netto. Werden also dem fest angestellten Regalauffüller 10 Euro gezahlt (wie es in großen Supermärkten durchaus der Fall ist), dann muss der Minijobber, der daneben steht, auch 10 Euro bekommen – wer Teilzeit arbeitet, darf im Stundenlohn nun mal nicht schlechter gestellt werden als der Vollzeit-Beschäftigte. Und noch besser: Während der fest Angestellte von den 10 Euro noch die vollen Sozialabgaben zahlt, kann der Minijobber mit den 10 Euro pro Stunde nach Hause gehen. Soweit die Theorie – in der Praxis kann man das durch allerlei Tricks unterlaufen. Wie groß der Missbrauch hier allerdings ist, hat noch keiner belastbar nachgewiesen.

Freiwild und ausgebeuteter als andere sind Minijobber demnach nur dann, wenn kein Tarifvertrag gilt (oder sie ihre Ansprüche nicht kennen und durchsetzen). Wer aber nun glaubt, Putzfrauen und Kellner seien in der Regel tariffrei, irrt gewaltig. In der Gebäudereinigung, die häufig Minijobber und Teilzeiter einsetzt, gilt sogar ein Branchenmindestlohn. Gaststätten und Hotels haben häufig Tarifverträge – gerade da, wo es schwierig ist, Personal zu bekommen. Relevant wird die Frage in Privathaushalten, in denen diese Verträge nicht existieren.

Viele Tarifverträge allerdings dümpeln in den klassischen Minijob-Branchen am unteren Ende herum. So arbeiten Regalauffüller dank eines Tarifvertrages der Christlichen Gewerkschaften oft für weniger als 7 Euro – sie sind häufig gemeint, wenn von den ausgebeuteten Minijobbern gesprochen wird. Nur wird der geplante Mindestlohn von 8,50 Euro ausgerechnet ihnen nicht helfen, jedenfalls nicht 2015 – denn für sie kann, wie die Koalition festgelegt hat, bis 2016 ein niedrigerer Lohn als 8,50 Euro gelten. DGB-Chef Sommer beharrt zwar darauf, dass diese Tarifverträge der Christlichen Gewerkschaften nicht repräsentativ sind, und deswegen nicht gelten, aber dieser Krach zwischen den Gewerkschaften muss noch geführt werden.

Interessant ist die Frage Mindestlohn und Ausnahmen bei Minijobbern also nur für diejenigen Minijobber, die nicht in der Tarifbindung sind, wie sehr häufig bei Arbeitnehmern in Privathaushalten. Und es ist interessant für Tarifverträge, bei denen es bis 2016 nicht klappt, durch Lohnerhöhungen über die 8,50 Euro zu kommen. Wenn es mit der Lohnentwicklung so weiter geht wie bisher, werden das nicht viele sein.

Maike Rademaker, Journalistin in Berlin, ist Arbeitsmarkt- und Sozialexpertin. Sie schrieb für die “Financial Times Deutschland” , die “tageszeitung” und ist regelmäßiger Gast im ARD-Presseclub.

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