Kolumne: Ach Berlin

Die Lüge, links zu sein

Während die deutsche Hauptstadt immer weiter vermüllt, muss man sich fragen, warum gerade in einer linken Hochburg eine zivile Bürgergesellschaft zum Teil scheitert. Linke Mentalität ist eben nicht immer Wille nach sozialer Gestaltung, sondern oft nur der Wunsch, von seinen Mitmenschen nicht belästigt zu werden

Die Straßen Berlins sehen derzeit so aus, als sei das nicht die deutsche Hauptstadt, sondern fernes Entwicklungsland. Zu den üblichen Hundehaufen haben sich vor knapp zwei Wochen riesige Silvestermüllhaufen gesellt, die irgendwie nicht verschwinden wollen. Nun kann man sich fragen, ob die Berliner Stadtreinigung unterbesetzt oder faul ist, man kann sich aber auch fragen, warum es die Berliner Bürger überhaupt so weit kommen ließen. Schließlich sehen sie sich selbst allenthalben als soziale und linke Menschen, denen – so dachte man – besonders viel an einem netten Zusammenleben liegt.

Im kleinen Städtchen Neuburg an der Donau zum Beispiel trafen sich am Neujahrsmorgen Mitglieder eines muslimischen Vereins und räumten den Müll in der Stadt auf, einfach so. In Berlin gilt man schnell als provinziell oder konservativ, wenn man sich über Müll aufregt. In einer Stadt, in der die CDU bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus zuletzt 23,3, die FDP gar nur 1,8 Prozent holte, ist das ungefähr so, als wenn man in Bayern Mitglied einer muslimischen Gemeinde ist. Der allgegenwärtige Dreck ist aber mehr als urbaner Schick. Er steht für eine weit verbreitete Mentalität in Berlin, die man beschönigend Bequemlichkeitsliberalismus oder einfach Egoismus nennen kann. Links ist sie ganz sicher nicht.

Es ist die Denke, dass man alles machen kann, was man will – ohne Einschränkungen, vom Staat, vom Nachbarn oder von der Polizei. Dass hinter all dem Mitmenschen stecken, ist dabei egal oder vielleicht zu kompliziert. Für Müll und Hundehaufen gibt es ja Zuständige, heißt es dann, die man über Steuern und Gebühren ja auch bezahlt. Also: Feuer und Feier frei! Die gleiche Denke erleben jeden Tag Touristen, die verlassen mit ihren Stadtplänen an der Straßenecke stehen und keine Hilfe bekommen, Alte, für die in der Bahn kaum jemand aufsteht, Frauen, denen niemand die Kinderwagen die Stufen hinaufträgt oder Kunden im Geschäft, denen unfreundliches Geraunze damit erklärt wird, man sei ja schließlich auch nur ein Mensch und keine Servicemaschine.

Klar, es ist das ewige Gejammer, dass früher alles besser war und anderswo sowieso. Dennoch bleibt es interessant, dass eine zivile Bürgergesellschaft gerade in einer linken Hochburg an vielen Stellen scheitert. Schließlich sind die Berliner hochpolitisch, bis zum Anschlag sensibilisiert, wenn ein Mensch beispielsweise Geld investiert und ihr Umfeld verändern will. Aber das ist eben auch nur Bequemlichkeitsliberalismus, dass man selbst machen kann, was man will, verbunden mit dem konservativen Anspruch, dass sich bloß nichts verändern soll.

Nach dem gleichen Prinzip verfährt aktuell ein Volksbegehren, das Neubauten am Rande des Tempelhofer Feldes verhindern will. Der Senat plant im ersten Schritt dort 1700 Wohnungen, davon mindestens die Hälfte zu Mieten von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter. Die Wohnungen sollen dem angespannten Immobilienmarkt entspannen, letztlich eine sozialpolitische Maßnahme. Aber nein, viele Aktivisten schimpfen gegen Investoren, die ihnen ihre Freifläche für ihr Privatvergnügen wegnehmen wollen. Links ist danach kein sozialer Gestaltungswillen mehr, sondern nur noch der Wunsch, man möge nicht von Mitmenschen umgeben sein, auf die man sich einlassen muss.

Stefan Tillmann hat Silvester in den Bergen gefeiert und hatte gehofft, dass Berlin sich bis zu seiner Rückkehr wieder etwas beruhigt hat.

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