Kolumne: Moneytalk

Emerging Markets stören die Börsenparty

Bye-bye Dax 10.000? Das fragen sich derzeit Anleger und Aktienanalysten. Tatsache ist, dass die Börsen seit knapp einer Woche auf Talfahrt sind – und das, nachdem der deutsche Vorzeigeindex Dax am 21. Januar mit 9.794 Punkten ein Allzeithoch markierte. Liegt es an den Schwellenländern?

Die Lager sind gespalten. Da sind auf der einen Seite die Optimisten, die sagen, der Markt befinde sich nun endlich in der Korrekturphase, die nach der monatelangen Kursrally längst überfällig war. Entsprechend gelassen sehen sie die weitere Entwicklung und halten die Marke von 10.000 beim Dax im laufenden Jahr nach wie vor für erreichbar. Die Gründe für den jüngsten Schwächeanfall liegen ihrer Meinung nach in erster Linie in Gewinnmitnahmen von Investoren, die frühzeitig in den Aktienmarkt eingestiegen waren. Eine Rolle hätte aber auch gespielt, dass der Auftakt der Unternehmens-Berichtssaison für das vierte Quartal 2013 weniger verheißungsvoll ausfiel als erwartet. Zudem seien vergangene Woche einige Konjunkturdaten schlechter gewesen als Volkswirte und Börsenprofis vorausgesagt hatten. Vor allem der Einkaufsmanager für die Industrie Chinas habe auf der ganzen Linie enttäuscht, weil er unter die wichtige 50-Punkte-Schwelle gefallen sei.

Die Optimisten halten die gegenwärtige Kurskorrektur lediglich für eine Delle im Aufwärtstrend. Ihnen stehen die Pessimisten gegenüber, die den Einbruch der Notierungen nicht für ein rasch vorübergehendes Phänomen halten. Sie interpretieren den rückläufigen Einkaufsmanagerindex für China als ein Zeichen, das bestätigt, dass es nicht nur im Reich der Mitte alles andere als rund läuft, sondern die Emerging Markets insgesamt vor gewaltigen Problemen stehen – was die Aktienkurse weltweit abstürzen lassen könnte.

Bereits im Sommer 2013 war es auf Grund der Ankündigung der US-Notenbank Fed, ihre Wertpapierkäufe über kurz oder lang zurückzufahren, zu massiven Kapitalabflüssen aus den Schwellenländern gekommen. Das hatte seinerzeit deren Aktien- und Devisenkurse nach unten sausen lassen. Doch die Anleger kamen zurück, die Lage stabilisierte sich wieder. Nun hat die Kapitalflucht aus den Emerging Markets erneut eingesetzt und dazu geführt, dass die Währungen einiger Länder stark abgewertet haben: Der argentinische Peso innerhalb einer Woche um fast 15 Prozent, die türkische Lira um acht Prozent, der südafrikanische Rand um drei Prozent. Das schürt Ängste vor einer neuen Emerging-Market-Krise, vergleichbar mit der Asienkrise 1997.

Unbestreitbar gibt es derzeit eine Reihe von Schwellenländern, in denen die Lage nicht mehr so rosig aussieht wie vor einigen Jahren. Fast überall hat sich die Konjunktur abgeschwächt, in Russland, Indien, Brasilien und Indonesien, die lange zu den Lieblingen international orientierter Investoren zählten, sind Anzeichen von Stagflation – also die Kombination einer stagnierenden Wirtschaft mit zunehmender Inflation – auszumachen. Der Inflationsanstieg ist zum Teil auf die Abwertung der Währungen der betreffenden Länder zurückzuführen, die Importe wesentlich verteuert haben. Hinzu kommen politische Turbulenzen, zum Beispiel die Dauerkonflikte in Thailand, Ägypten, Syrien und in der Türkei. Und schließlich ist da noch das Argument der Liquidität. Wenn die Fed tatsächlich Monat für Monat weniger Anleihen aufkauft, werde unweigerlich weniger Geld in die Emerging Markets fließen und deren Konjunktur und Märkte belasten – so die Skeptiker.

Ob das reicht, dass es wirklich zu einer Emerging-Market-Krise kommt, ist allerdings keineswegs ausgemacht. Es gibt sogar gute Gründe, die dagegen sprechen.

Erstens hat sich in den USA, immer noch mit Abstand die größte Volkswirtschaft der Welt, der Aufschwung deutlich beschleunigt; Europa befindet sich nach langer Durststrecke ebenfalls auf dem Weg der Besserung. Das wird sich auf die Exporte und das Wirtschaftswachstum der Emerging Markets positiv auswirken. Zweitens sind wichtige Schwellenländer – allen voran China – dabei, ihr „Geschäftsmodell“ umzustellen, weg von einer primär exportgetriebenen, hin zu einer stärker konsumorientierten und nachhaltigeren Wirtschaft. Dass das nicht von heute auf morgen und nicht ohne Reibungsverluste geht, liegt auf der Hand. Letzten Endes wird das aber zu einer geringeren Abhängigkeit von den Industrieländern und deren Kapital führen. Drittens bleibt die Geldpolitik in Amerika, Europa und Japan noch für längere Zeit extrem expansiv, selbst wenn die Fed ihre Wertpapierkäufe einschränkt, was sie ohnehin sehr behutsam macht. An Liquidität wird es den Finanzmärkten daher auf absehbare Zeit kaum mangeln.

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Pessimisten richtig liegen oder ob die Optimisten mit ihrer „Dellentheorie“ Recht behalten. Börsianer sollten sich jedenfalls darauf einstellen, dass die Kursschwankungen in nächster Zeit heftiger werden als in den vergangenen Wochen.

Ludwig Heinz arbeitete er im Research-Bereich diverser Banken, bevor er im Jahr 2000 zur Anlegerzeitschrift “Börse Online” und damit zum Wirtschaftsjournalismus wechselte. Er schreibt die OC-Kolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 17 Bewertungen (4,71 von 5)